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Die Verletzung ist verheilt, doch Unsicherheit und Angst können verhindern, dass der Sportler zu alter Form zurückkehrt – Verletzungsmanagement psychologisch betrachtet.

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Wenn der Kopf nicht mitspielt*

Die Verletzung ist verheilt, doch Unsicherheit und Angst können verhindern, dass der Sportler zu alter Form zurückkehrt – Verletzungsmanagement psychologisch betrachtet.

* modifizierter Auszug aus Mayer, J. & Hermann, H-D. (2015). Mentales Training. Springer Verlag

(c) Fotalia

Ein international erfolgreicher Skispringer zieht sich bei einem schweren Sturz mit kurzzeitiger Bewusstlosigkeit mehrere Knochenbrüche und Prellungen zu. Dank intensiver medizinischer und sportphysiotherapeutischer Betreuung kann er nach einigen Monaten die Rehabilitationseinrichtung verlassen und mit dem Aufbautraining beginnen. Einer Fortsetzung der Karriere steht scheinbar nichts im Wege. Trotzdem schafft es der Skispringer nicht, konstant an frühere Leistungen anzuknüpfen.

Erst viel später beschreibt er seine durch den Sturz und die Verletzung aufgetretenen Unsicherheiten und Ängste, die ihm insbesondere auf größeren Schanzen und bei Wettkämpfen zusetzten. Letztlich führten Frustration und Resignation zum Rückzug aus dem Leistungssport, obwohl seine körperlichen Voraussetzungen ihm noch etliche Jahre in diesem Sport erlaubt hätten (vgl. Mayer & Hermann, 2015).

Der Mensch als Ganzes

Schon eine „gewöhnliche“ Sportverletzung bedeutet für die meisten Sportler einen erheblichen Einschnitt in den gewohnten Lebensrhythmus, da sie eine Unterbrechung des Trainings- und Wettkampfalltags zur Folge hat (Hermann & Eberspächer, 1994). Auch psychische Beanspruchungsreaktionen sind völlig normal. Aus vielen Sportarten weiß man, dass der Versuch, den verletzten Sportler ausschließlich mit rein medizinischen, physiotherapeutischen und trainingswissenschaftlichen Maßnahmen zu seiner physischen Topform zurückzuführen, ohne sich mit der psychischen Beanspruchung des Verletzten auseinanderzusetzen, häufig nicht zufriedenstellend gelingt (Hermann & Eberspächer, 1994).

Der ursprüngliche Leistungsstand jedoch wird trotz der wiederhergestellten körperlichen Voraussetzungen erst nach langer Wiedereinstiegszeit oder unter Umständen gar nicht mehr erreicht. Die psychische Rehabilitation muss daher als Teil des zielgerichteten, geplanten und kontrollierten Rehabilitationsprozesses verstanden werden. Weiss und Troxel (1986) bringen das grundlegende Prinzip der Rehabilitation auf den Punkt: „Treat the person, not only the injury.“

Ziel ist es, durch das Training psychischer Fertigkeiten und durch die Beachtung sozialer Faktoren ein besseres Rehabilitationsergebnis und einen schnelleren Wiedereinstieg in Training und Wettkampf zu erreichen.

Ein psychologisches Problem

Der Bericht des ehemaligen Schweizer Fußball-Nationalspielers Claudio Sulser ist eine der wenigen deutschsprachigen Publikationen zu mentalen Problemen verletzter Sportler.

Zitat: „Ich habe während Jahren meine Sportart ausgeübt, ohne zu überlegen, dass ich auch einmal verletzt werden könnte. Ich dachte wie die meisten Automobilisten in Bezug auf Verkehrsunfälle: Es passiert immer den anderen. Ich empfand es als selbstverständlich, praktisch jeden Tag zu trainieren, um dann irgendwo in der Schweiz oder im Ausland ein Spiel bestreiten zu können. Plötzlich ist das, was gestern selbstverständlich war, heute nicht mehr möglich. Man ist mit einer neuen, unvorhergesehenen Situation konfrontiert. (…) Es entsteht zuerst ein psychologisches Problem: das psychische Bewältigen der Verletzung.“ (Sulser, 1985, S. 144)

Dem Fußballprofi machten in seiner fünfmonatigen Genesungszeit Motivationsprobleme und ein aus Mangel an körperlicher Betätigung resultierendes Gefühl der Unzufriedenheit am meisten zu schaffen. Neben Ausführungen wie diesen von Sulser liegen auch ausreichend wissenschaftliche Untersuchungen zu den psychischen Belastungsreaktionen nach Sportverletzungen vor (vgl. zusammenfassend Mayer & Hermann, 2015).

Zusammenhänge erkennen

Die praktischen Erfahrungen mit Leistungssportlern zeigen, dass die Art und das Ausmaß der Belastungsreaktion von unterschiedlichen Faktoren abhängen können. Diese Faktoren können in der Persönlichkeit des Rehabilitanden und in den Umständen der Verletzung begründet liegen oder auch situations- und sportartbedingt sein. Da diese Faktoren das Erleben und die psychische Reaktion in Rehabilitationszeiten entscheidend beeinflussen, ist es für den behandelnden Mediziner oder Therapeuten wichtig, diese Zusammenhänge zu kennen und zu berücksichtigen. Im Besonderen sollte folgenden Umständen Aufmerksamkeit gezollt werden.

Verletzungsbedingte Faktoren

Schwere der Verletzung: Als bedeutendster Faktor ist die individuelle Einschätzung der Schwere der Verletzung zu nennen. Aus psychologischer Sicht kann diese Einschätzung aus der Rehabilitationsdauer und der Möglichkeit einer vollständigen Wiedererlangung der sportlichen Leistungsfähigkeit abgeleitet werden (z.B. Smith et al., 1990).
Ursachen der Verletzung: Die individuelle Ursachenzuschreibung für die Entstehung der Verletzung spielt eine wichtige Rolle für die psychische Belastung in der Rehabilitation. Die Reaktionen sind abhängig davon, ob die Verletzungsursache bekannt oder unbekannt und ob die Verletzung selbst- oder fremdverschuldet ist. In der Praxis ist oftmals zu beobachten, dass das Wissen um die Ursache und um das eigene Fehlverhalten zu weniger starken psychischen Reaktionen führt, da ein Gefühl der Kontrolle und der Eigenverantwortlichkeit bei dem Verletzten bestehen bleibt. Der Sportler glaubt daher eher, eine erneute Verletzung aktiv vermeiden zu können. Bei fremdverschuldeten Verletzungen oder einer unklaren Verletzungsursache verstärken sich dagegen oft Gefühle der Unsicherheit, des Kontrollverlustes und der Angst vor Wiederverletzung.

Schmerz: Die individuelle Schmerzschwelle und die Schmerztoleranz variieren von Person zu Person. Die Schmerzschwelle ist vom Einzelnen kaum beeinflussbar und als angeborenes Merkmal zu verstehen. Beeinflussbar sind hingegen Schmerztoleranz und Schmerzempfinden. Die Schmerztoleranz wird als erlernte und damit auch veränderbare Komponente im Schmerzgeschehen angesehen. Die wahrgenommene Schmerzintensität hängt – vor allem bei geringeren Schmerzen – von der Aufmerksamkeit ab, die man dem Schmerz widmet. Insbesondere dieser letzte Punkt ist in der Rehabilitationszeit von besonderer Bedeutung.

Personbedingte Faktoren

Ängstlichkeit: Personen mit generell hoher Ängstlichkeit und mit nur wenig ausgeprägten unterstützenden Stressbewältigungsstrategien zeigen im Allgemeinen stärkere Belastungsreaktionen. Athleten berichten auch über ein verzögertes Auftreten der psychischen Pro­bleme und Reaktionen: So ist es keine Seltenheit, dass psychische Belastungsreaktionen erst nach einigen Tagen auftreten, weil der Sportler zu Beginn der Rehabilitationsphase noch stark mit der neuen Situation (z.B. Klinikrhythmus, häufige Untersuchungen) beschäftigt ist.
Risikobereitschaft: Das Persönlichkeitsmerkmal Risikobereitschaft ist als beeinflussender Faktor von besonderer Bedeutung. Eine Verletzung als Folge eines freiwillig übernommenen, also einkalkulierten Risikos wird von den Betroffenen leichter akzeptiert. Problematisch wird es jedoch bei den Athleten, die objektive und subjektive Risiken ihrer Sportart verdrängt haben: Durch das Erleben einer Verletzung werden diese Gedanken wieder ins Bewusstsein gerückt – unter Umständen mit erheblichen und langfristigen emotionalen Folgen.

Status: Bei Profisportlern, die durch die Verletzung in ihrer Existenz bedroht sind, ist die psychische Belastung höher als bei Freizeit­sportlern. Je nach Versicherungslage und beruflichen Alternativen können Berufssportler in erhebliche Krisen geraten, die sich auch in psychischen Reaktionen äußern.

Individueller Stellenwert: Unabhängig vom Status kann für das Auftreten negativer psychischer Reaktionen in der Rehabilitationszeit auch der individuelle Stellenwert des Sports im Leben des Betroffenen mitverantwortlich sein. Wird Sport beispielsweise – bewusst oder unbewusst – zur Bewältigung oder Verdrängung anderer Probleme eingesetzt, ist es durchaus möglich, dass diese Probleme während der Verletzungszeit verstärkt wieder auftreten. So erleben sich Personen durch eine Verletzung in ihrem Selbstwertgefühl gefährdet, wenn sie ihre Selbstbestätigung vornehmlich aus sportlichen Erfolgen und aus der damit verbundenen sozialen Anerkennung ziehen.

Verletzungsvorerfahrungen: Verletzungsvorerfahrungen beeinflussen die Belastungsreaktion ebenfalls. Sportler, die noch nie ernsthaft verletzt waren, reagieren häufig besonders stark auf die neue und unbekannte Situation. Verletzungserfahrene Athleten hingegen schätzen die Situation anders ein: Sind bereits erlittene Verletzungen problemlos ausgeheilt, zieht eine weitere Verletzung in der Regel weniger ausgeprägte oder völlig andere psychische Folgen nach sich.

Alter: Ein weiterer Faktor kann das Alter der Verletzten sein, da unter Umständen schon eine leichte Verletzung bei älteren Sportlern das Ende der sportlichen Laufbahn bedeuten kann. Jugendliche Athleten sehen trotz größerer Ungeduld im Rehabilitationsprozess eine andere sportliche Perspektive als 30-Jährige, die vielleicht nur noch einen bedeutsamen Wettkampf bestreiten wollen.

Weitere Faktoren

Sportart: Verletzungen und Verletzungserfahrungen gehören in Sportarten wie Handball, Fußball, Ski alpin, Judo oder Motocross nicht selten zum Alltagsbild. So werden z.B. beim Carven aufgrund immer aggressiverer Materialgestaltung derart hohe Belastungsspitzen erreicht, dass ein Kreuzbandriss eines leistungsorientierten Skifahrers als schon fast unvermeidlich angesehen werden kann. Verletzte Athleten aus diesen Sportarten akzeptieren ihre Situation häufig schneller und sind dadurch in der Lage, den Rehabilitationsprozess zielgerichtet und psychisch weniger belastet zu gestalten.

Saisonzeitpunkt: Auch der Saisonzeitpunkt der Verletzung ist wichtig. Unmittelbar vor Saisonhöhepunkten, wie Qualifikationen oder Meisterschaften, nehmen Athleten eine Verletzung mit wesentlich höherem Frustrationsgrad und Ärger auf. Immerhin treten nach Kerr und Minden (1988) 27 Prozent aller Verletzungen unmittelbar vor einem wichtigen Ereignis auf.

Alle genannten Einflussfaktoren sind zunächst durch geeignete Verfahren der Eigen- oder Fremddiagnostik so weit wie möglich zu analysieren. Nur wenn man diese Faktoren berücksichtigt, kann man psychologische Rehabilitationsmaßnahmen individuell zu einem rehabilitationsunterstützenden System zusammenführen und das psychologische Training zielführend in den Rehabilitationsprozess integrieren.

Der Kopf spielt nicht mit

Je einschneidender das individuelle Verletzungserleben war, umso problematischer gestaltet sich die psychische Verarbeitung – gerade, wenn die Sportverletzung bei der Ausübung von Risikosportarten erfolgt ist (z.B. Ski alpin, Skispringen oder Motorsport) und Sportler erfahren müssen, dass das ­Überschreiten einer gewissen Grenze schmerzhaft und gefährlich sein kann. Es stellt eine besondere Herausforderung dar, nach erfolgter physischer Rehabilitation wieder an die Höchstleistung anzuknüpfen und sich damit auch wieder der Grenze zwischen extremer Höchstleistung auf der einen Seite und Sturz und Verletzung auf der anderen Seite zu nähern.

Es geht nicht nur darum zu funk­tionieren, sondern am Limit zu funktionieren, sich also unter Umständen wieder in die gleiche Situation bringen zu müssen, bei der die Ver­letzung bzw. der Unfall eingetreten ist. Nicht selten stören dann Ängste oder Blockaden den Bewegungs­ablauf. Trainer beschreiben dieses Phänomen gern mit den Worten: „Der Kopf spielt noch nicht mit!“

Desensibilisierung

Ein bewährtes verhaltensthera­peutisches Verfahren, das zur Be­wäl­tigung von Ängsten eingesetzt wird, ist die systematische Desen­sibilisierung nach Wolpe (1977). Bei diesem Verfahren spielen Handlungs- und Bewegungsvorstellungen eine wesentliche Rolle. Die systematische Desensibilisierung geht von dem Grundprinzip aus, dass Angst und körperliche Entspannung nicht gleichzeitig vorhanden sein können. Der Ablauf der systematischen Desensibilisierung lässt sich folgendermaßen skizzieren:

1.Aufstellung einer Angsthierarchie:
Der Sportler erstellt eine Hierarchie seiner Ängst­e. Welche Ereignisse, Situationen oder Aufgaben lösen Ängste aus? Die Hierarchie angstauslö­sender Ereignisse könnte z.B. bei einem Skispringer folgendermaßen aus­sehen:

• Beginnende Angst:
Fahrt zur Schanze.
• Leicht erhöhte Angst:
Mit dem ­Sessellift zum Sprungturm fahren.
• Mittlere Angst:
Auf dem Sprungturm stehen und den Anlauf hinunterschauen.
• Stark erhöhte Angst:
Mit Sprungski zum Absprungbalken hinabsteigen.
• Maximale Angst:
Mit angeschnallten Sprungskiern auf dem Absprungbalken sitzen.

2. Entspannungstraining:
Der Sportler erlernt eine Entspannungstechnik (zum Beispiel die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson).

3. Erarbeitung einer optimalen Vorstellung für das eigene Handeln in den betreffenden Situationen:
Empfohlen wird hier das Beschreiben und Aufzeichnen oder Aufschreiben der Handlungsschritte aus der Innenperspektive.

4. Vorstellung des eigenen Handelns (Mentales Training) in der angstverursachenden Situation:
Der Sportler soll sich in einem entspannten Zustand zunächst das Ereignis vorstellen, das bei ihm die geringste Angst auslöst (in diesem Fall: Fahrt zur Schanze). In dem Moment, wo er Angst in sich aufkommen spürt, wird das Mentale Training unterbrochen, und der Sportler versucht erneut, einen entspannten Zustand herzustellen.

Dies wird so lange durchgeführt, bis sich der Sportler angstfrei in der entsprechenden Situation handelnd vorstellen kann. Im entspannten ­Zustand stellt sich der Sportler dann die Situ­ationen vor, die in seiner Angsthierarchie weiter oben stehen. Das wird so lange fortgesetzt, bis die höchste Stufe der Angsthierarchie erreicht ist. Erst wenn der Sportler in der Lage ist, sich im entspannten Zustand angstfrei den gesamten Handlungsablauf vorzu­stellen, wird versucht, den Sportler vor Ort schrittweise – entsprechend der Vorstellung – zu den realen Abläufen hinzuführen.

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Der Autor

Dr. phil. Jan Mayer ist Professor an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement in Saarbrücken. Außerdem arbeitet der Sportwissenschaftler und Diplom-Psychologe als freiberuflicher Referent, Sportpsychologe und Coach. Er betreut den Olympiastützpunkt Rhein-Neckar und die Profispieler der TSG 1899 Hoffenheim.

Seit 2007 ist Jan Mayer Gesellschafter und Geschäftsführer des Instituts für Sportpsychologie und Coaching in Schwetzingen (CCC-Rhein-Neckar).

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