Verwendung von Cookies

Um unsere Webseite für Sie optimal zu gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen zu Cookies erhalten Sie in unserer Datenschutzerklärung

Sportsucht als Verhaltenssucht

Auch im Sport gibt es ein Zuviel – Symptome und Folgen

Foto: ©istockphoto.com, Geber86

Bei dem Begriff Sportsucht reagieren viele Menschen häufig zunächst mit einem Stirnrunzeln oder mit Spöttelei. Dass das Thema Sportsucht durchaus Relevanz für viele Sporttreibende hat und nicht mehr nur als seltene Erscheinung zu betrachten ist, zeigt die steigende Anzahl an Publikationen hierzu [2, 6, 7, 10, 11, 13, 14]. Erstmalig erwähnt wurde das Phänomen der Sportsucht von Frederick Beakeland im Jahr 1970.

In seiner Untersuchung bot er Sportlern eine finanzielle Entschädigung für die Teilnahme, die jedoch mit einem Trainingsverzicht verbunden war. Beakeland berichtet dabei von Sportlern, die trotz einer hohen Entschädigung nicht auf das tägliche Training verzichten wollten. Die deutschsprachige Sportforschung griff das Thema Mitte der 1990er Jahre auf [9]. Die Sportsucht wurde zunächst überwiegend in Ausdauersportarten – speziell im Laufen – thematisiert. Dies ist auf die anfänglichen physiologischen Erklärungsansätze zurückzuführen. Erst in der späteren Sportsuchtforschung standen auch andere Sportarten wie Fitnesstraining oder Bodybuilding im Fokus der Aufmerksamkeit, infolgedessen psychosoziale und gesellschaftstheoretische Erklärungsansätze formuliert wurden [3].

Substanzunabhängige Verhaltenssucht

Die Sportsucht zählt zu den substanzunabhängigen Verhaltenssüchten wie Kaufsucht oder Spielsucht, deren psychiatrische Symptombeschreibung sich an den klinischen Kriterien stoffgebundener Süchte orientiert [5]. Der für Außenstehende meist unbemerkten Toleranzentwicklung und die damit im Zusammenhang stehende Intentionalität, stehen offensichtlichen Entzugserscheinungen, wie vermehrte Reizbarkeit, Depressivität oder Ängstlichkeit gegenüber. Das zwanghafte Steigern der Trainingseinheiten, Umfänge und Intensitäten, um einerseits die gewünschten Effekte zu erreichen und andererseits die Entzugserscheinungen zu lindern oder zu vermeiden, ist typisch für betroffene Sportler. Im Zusammenhang damit steht ein gewisser Kontrollverlust, der sich darin äußert, dass der Sport nicht nur länger und in größerem Umfang als beabsichtigt betrieben wird, auch scheitern Versuche, die sportliche Aktivität zu reduzieren. Hinzu kommt, dass selbst bei andauernden oder wiederkehrenden körperlichen Problemen oder gar bei Krankheit die sportliche Betätigung aufrechterhalten wird. In physiologischer Hinsicht sind dauerhafte körperliche Schäden offensichtliche Folgen einer Sportsucht, während sich die Folgen in psychologischer Hinsicht ganz unterschiedlich darstellen können. So wird von einer (all-)umfassenden Fixierung des Sports als ausschließliches Handlungsfeld gesprochen, die sich unter anderem in der Ausbildung einer sogenannten Ingroup-Identität äußert [3]. Der betroffene Sportler umgibt sich und kommuniziert mehrheitlich mit Menschen, die die eigene Auffassung teilen und sich in ähnlichen oder gar gleichen Umständen befinden. Menschen, die diese Auffassung nicht teilen oder dem verinnerlichten Leistungs- und Schlankheits­ideal nicht entsprechen, werden häufig nicht nur ausgeschlossen, sondern auch deutlich negativ bedacht. Auch die Kommunikation mit Familien­mitgliedern oder Menschen im Freundeskreis verändert sich. So wird das eigene Sporttreiben zunächst durch sachliche Gründe legitimiert und relativiert, später sogar verschwiegen, um potenzielle Konflikte zu vermeiden. Damit einhergehend besteht als Sym­p­tom und Folge zugleich der Rückgang anderer sozialer Aktivitäten.

Sportbindung vs. Sportsucht & Primäre vs. sekundäre Sportsucht

Nicht selten treffen einzelne Symptome auf ambitionierte Breitensportler und vergleichsweise häufig sogar auf Leistungssportler zu, die zweifellos regelmäßig Trainingsumfang und Trainingsintensität zur Leistungssteigerung erhöhen. Jedoch wird in diesen Fällen nicht von einer Sportsucht gesprochen, sondern vielmehr von einer starken Sportbindung (engl. commitment), bei der zwar auch zum Teil Entzugserscheinungen auftreten können, die jedoch nach Beendigung der leistungssportlichen Karriere nicht weiter bestehen bleiben. Auch fehlen bei einer engen Sportbindung die Zwanghaftigkeit und die Sportler sind durchaus in der Lage, das Training zu reduzieren oder gar darauf zu verzichten: beispielsweise aufgrund einer Verletzung oder zu Regenerationszwecken. Der Unterschied zwischen einer Sportsucht und einer hohen Sportbindung besteht folglich nicht nur im Beachten bzw. Missachten körperlicher Signale, sondern auch im Motiv zum Sporttreiben. Das Motiv differenziert gleichzeitig, ob es sich bei einer Sportsucht um ein eigenständiges Krankheitsbild oder um ein komorbides Syndrom handelt. Steht die sportliche Aktivität im Vordergrund und besitzt einen sogenannten Fixierungscharakter, wird von der primären Sportsucht gesprochen. Ist jedoch ein Zusammenhang von exzessiver sportlicher Aktivität und einer Essstörung zu erkennen, geht man von einem komorbiden Syndrom aus und spricht von einer sekundären Sportsucht [3, 4].

Prävalenz von Sportsucht

Die Angaben zur Prävalenz von Sportsucht variieren je nach verwendetem Messinstrument und untersuchter Sportart. Die am häufigsten eingesetzten Messinstrumente sind die Exercise Dependence Scale (EDS) von Hausenblas und Symons Downs [8] und das Exercise Addiction Inventory (EAI) von Terry, Szabo und Griffiths [12]. Eine vorsichtige Schätzung nehmen Breuer und Kleinert [4] vor, indem sie ausführen, dass jeder 100. Sportler vereinzelte Auffälligkeiten in Richtung einer Sportsucht aufweist, jeder 1.000. manifeste Störungsmerkmale zeigt und jeder 10.000. behandlungsbedürftig sein dürfte. Während die Prävalenz von Studenten und Fitnessstudio­mitgliedern zwischen 3 % und 7 % liegt, weisen Ausdauersportlern wesentlich höhere Raten auf [6, 11]. Aber auch hier unterscheiden sich die Angaben zur erfassten Sportsucht deutlich. So beziffern Ziemainz et al. [14] 4,5 % der Triathleten, Läufer und Radsportler als sportsüchtig, indes Griffiths et al. [6] bei Triathleten von rund 20 % sprechen.

Mit Hilfe der beiden Messinstrumente lassen sich aber auch Sportler der sogenannten „nondependent, but symptomatic“ – Gruppe zuordnen, also Sportler, die zwar keine Sportsucht im eigentlichen Sinne haben, aber eine Reihe von typischen Symptomen aufweisen. Hale et al. [7] konnten bei Bodybuildern, Power Liftern und Fitness Liftern diese Gruppe mit 77,4 % beziffern und Ziemainz et al. [14] kategorisierten 83,1 % der Ausdauerathleten in diese Gruppe. Die Ausführungen legen den Schluss nahe, dass das Phänomen Sportsucht sportartunabhängig zu sein scheint, auch wenn die Prävalenzraten in den Ausdauersportarten höher sind. Das Suchtpotenztial im Leistungssport ist vor allem in kompositorischen Sportarten und in gewichtsbasierten Disziplinen gegeben, die durch Regelwerk und Bewertungssystem eine gewisse Zwanghaftigkeit nach sich ziehen können [3]. Jedoch muss hier von einer sekundären Sportsucht – zumeist anorexie-assoziiert – ausgegangen werden, deren Prävalenz deutlich höher liegen kann und nach Zeeck et al. [13] mit über 40 % angegeben wird.

Wichtig bei der Erhebung einer potenziellen Sportsucht ist neben dem Einsatz eines stand­ardisierten Messinstruments, welches die oben genannten psychologischen Kriterien erfragt, auch die Erfassung von Trainingsumfängen und Trainingsintensitäten sowie die Erhebung individueller Trainingsroutinen und Motive. Nur so kann zum einen eine primäre von einer sekundären Sportsucht unterschieden sowie zwischen einer tatsächlichen Sportsucht und einer starken Sportbindung differenziert werden. Berücksichtigt werden sollte zudem, dass zwar quantitative Methoden schnell und unkompliziert Aufschluss über die genannten Parameter geben, jedoch qualitative Werte – erhoben durch Interviews oder Beobachtungen – unerlässlich für eine individuelle Diagnostik sind und gleichzeitig Rückfragen zulassen. Nicht zuletzt hängt eine aussagekräftige Diagnostik von der Motivation des Sportlers selbst ab, der in erste Linie gewillt sein muss, Informationen und womöglich bereits beobachtete Auffälligkeiten preiszugeben.

Hinweise für die Sportpraxis

Eine theoretische Annahme zur Entwicklung einer Sportsucht basiert auf dem Ansatz, dass das Sporttreiben als Bewältigungsstrategie für sportunspezifische Probleme eingesetzt wird [3]. Zudem zeigt der Werdegang betroffener Athleten ähnliche Krisenmomente wie der bei anderen Suchtformen. So werden berufliche und private Rückschläge, überstandene Krankheiten oder gar depressive Phasen mit einem Übermaß an sportlicher Aktivität kompensiert und bewältigt. Dies kann im ungünstigen Fall zu einer Negativspirale führen. Daher sollten z. B. Trainer und Physiotherapeuten für solch eine Entwicklung sensibel sein. Gleichzeitig kann auch die Familie selbst zu einer gewissen Zwanghaftigkeit im Sporttreiben beitragen. Wenn Leistungsstreben und sportliche Erfolge dauerhaft im Vordergrund stehen oder gezielt von Eltern, insbesondere junger Athleten, hervorgehoben werden, ist es empfehlenswert, das Gespräch mit allen Beteiligten zu suchen, um gegebenenfalls den Druck von außen zu reduzieren.

Nicht zuletzt können traditionelle Geschlechter­rollen oder durch außen vorgegebene Leistungs- und Schlankheitsideale Wegbereiter für eine Sportsucht sein. So streben betroffene Männer speziell im Bereich Bodybuilding und Fitness häufig nach Muskelaufbau und Frauen eher nach einer Gewichtsreduktion. Oftmals liegt hier eine Störung der Körperwahrnehmung vor, bei der die Betroffenen sich zu dick oder untrainiert einschätzen, obwohl das Gegenteil der Fall ist. Hilfreich kann hierbei der Einsatz von Aktivitätsmessern sein, die den tatsächlichen Umfang und die Intensität des Sporttreibenden objektiv darstellen und unter Umständen zu einem ersten Bewusstsein und zur Reflexion über das Übermaß an körperlicher Aktivität verhelfen. Das Auftreten einzelner Symptome ist wie bereits erwähnt noch kein Indiz für eine manifeste Sportsucht und könnte vielmehr für eine starke Sportbindung sprechen. Sollte das Sporttreiben jedoch einen zwanghaften Charakter annehmen oder Wesens- und emotionale Veränderungen – infolge verpasster Trainingseinheiten – auftreten, sollte genauer hingeschaut werden. Dies empfiehlt sich ins­besondere, wenn es um (Nachwuchs-)Leistungsathleten geht, die häufig mit Gewichtskontrollen konfrontiert sind. Bei einer manifesten Störung ist eine psychotherapeutische ­Behand­lung indiziert und meist unumgänglich, da Betroffene selbst kaum in der Lage sind, Umfänge und Intensitäten zu reduzieren oder gar ganze Trainingseinheiten zu streichen. Problematisch ist dabei häufig die fehlende Einsicht betroffener Sportler. Ist diese jedoch in einem gewissen Maß gegeben, sollte das Gespräch mit einem angewandt arbeitenden Sportpsychologen oder Psychotherapeuten gesucht werden, um die Ursachen des Verhaltens zu ergründen. Mithilfe einer kognitiven Therapie, einer Verhaltens- oder Gesprächstherapie oder mit verschiedenen (sport-)psychologischen Methoden (z. B. Wahrnehmungs- und Entspannungsübungen) kann dem Sportler geholfen werden. Der Vorteil hierbei ist, dass auf den Sport nicht gänzlich verzichtet werden muss, wie es bei anderen, vor allem substanzgebundenen Süchten der Fall ist und mit Hilfe einer solchen Therapie eine maßvolle körperliche Aktivität und eine gesunde Balance zwischen Sporttreiben, Ruhe­phasen und anderen sozialen Aktivitäten angestrebt wird.

Fazit

Das Phänomen der Sportsucht ist nicht nur im Leistungssport, sondern auch im ambitionierten Breitensport anzutreffen und stellt daher ein für viele Sporttreibende relevantes Thema dar. Neben physiologischen Konsequenzen sind es vor allem psycho-soziale Folgen, die betroffene Sportler in ihrem Leben beeinträchtigen können. Die Prävalenz einer Sportsucht kann in Abhängigkeit der Sportart stark variieren. In besonders exzessiven Fällen liegen häufig weitere psychologische Probleme (z. B. Essstörung) vor. Kommt ein Sportler zu der Einsicht, dass das Sporttreiben zwanghaft erfolgt und kaum noch gesundheitsförderlich wirkt, kann ein in der Praxis tätiger Sportpsychologe oder Psychotherapeut zumeist wirksame Hilfe anbieten.

 

Die Literaturliste können Sie unter info@thesportgroup.de anfordern.

 

Zurück

Die Autoren

Dr. Nadja Walter ist wiss. Mitarbeiterin an der Universität Leipzig, Institut für Sportpsycho­logie und Sportpäda­gogik, Zusatzausbildung in Systemischer Inter­aktionsberatung und Funktionellem Training. Ihre Forschungsarbeiten behandeln u. a. Ver­haltensänderung im Bereich Sport und Ernährung und psycho­logische Aspekte des Sporttreibens.

Prof. Dr. Thomas Heinen ist Professor für Bewegungs- und Trainingswissenschaft mit Schwerpunkt Turnen/Kampfsportarten an der Universität Leipzig. Zusatzausbildungen in Sportpsychologie und Sportphysiotherapie. Forschungsarbeiten u. a. zu psychologischen Komponenten in Sportarten wie Turnen, Gymnastik/Tanz und Kampfsportarten.

Print + Download

Zurück