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Bei unspezifischen Beschwerden von Müdigkeit bis Geräuschempfindlichkeit sollten Mediziner auch eine eventuell weit zurückliegende Gehirnerschütterung als Ursache in Betracht ziehen. Physiotherapeut David Dale über Diagnose, Therapie und die nicht zu unterschätzende Bedeutung von Ruhe in der Rehabilitation.

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Spätfolgen der Gehirnerschütterung

Das Second-Impact-Syndrom bleibt zu oft unerkannt. Dabei kann es zum Rückzug aus dem Sport führen

Gehirnerschütterungen sind im Sport ein weit verbreitetes Problem, dem in jüngster Vergangenheit endlich mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird, auch medial. So konnte man kurz vor dem 50. Super Bowl, dem Finale der US-amerikanischen Football-Profiliga NFL, in der Wochenzeitung „Die Zeit“ eine große Reportage mit dem Titel „Krieg der Köpfe“ lesen. Darin wurden das Concussion-Problem (Concussion = Gehirnerschütterung) beim American Football und der immer noch zögerliche Umgang der NFL damit aufgezeigt.

Auch das Magazin „Der Spiegel“ griff das Thema auf: In einem Interview beschrieb der mittlerweile 62-jährige ehemalige NFL-Spieler Dave Pear die Gefahren von Gehirnerschütterungen und forderte Eltern auf: „Lassen Sie Ihre Kinder nicht Football spielen! Niemals!“ Pear leidet nach unzähligen Concussions, die er sich während seiner aktiven Karriere zuzog, an der unheilbaren Gehirnerkrankung CTE (Chronisch-traumatisierte Enzephalopathie). Symptome sind Depressionen, gesteigerte Aggressivität und Vergesslichkeit. Die Krankheit lässt sich eigentlich erst nach dem Tod nachweisen, jedoch geben die Symptome eindeutige Hinweise.

Concussions in deutschen Ligen

Man braucht allerdings nicht extra in die USA zu fliegen, um sich der Problematik bewusst zu werden. Auch bei in Europa populären Sportarten, etwa im Fußball, Handball oder Eishockey, findet man häufig Gehirnerschütterungen. Prominente Beispiele sind etwa Mittelfeldspieler Christoph Kramer, der  beim Finale der Fußball-WM 2014 eine Concussion erlitt, sowie der Handball-Kapitän Steffen Weinhold, der sich bei der diesjährigen EM eine leichte Gehirnerschütterung zuzog. Team­arzt Prof. Dr. med. Kurt Steuer gab zwar für Weinhold nach einigen Tests grünes Licht, wies aber gleichzeitig darauf hin, dass Gehirnerschütterungen ernstzunehmende Verletzungen sind und die Gefahr von Folgeschäden vorhanden ist. Seiner Meinung nach würden diese Verletzungen im Handball noch zu ­wenig beachtet.

Internationales Hilfsnetz

Seit 2011 und meiner Begegnung mit Chris Nowinski, dem Gründer der Non-Profit-Organisation Concussion Legacy Foundation, bin ich in die Therapie von Gehirnerschütterungen involviert. Durch die Arbeit mit Kerry Goulet von der US-amerikanischen Foundation StopConcussions kam ich in Kontakt mit Scott Haller von der Reha-Klinik Shift Concussion Care im kanadischen Ontario. Mit Scott Hallers Unterstützung, seinem Netzwerk in Nordamerika, der Gesellschaft für Sport-Neuropsychologie in Deutschland und dem Institut für Sportsvision „DynamicEye“ in Köln haben wir viele Möglichkeiten, Sportlern hier in Deutschland zu helfen.

Baseline-Test

Aus der Ausgabe 1/2015 der sportärztezeitung ist bekannt, dass eine interdisziplinäre Behandlung einer Gehirnerschütterung durch Mannschaftsarzt, Physiotherapeuten, Kliniken und klinische Neuropsychologen notwendig ist, um einen Spieler oder eine Spielerin sicher zurück in den Sport zu bringen. Ein Baseline-Test vor der Saison wäre optimal, egal ob SCAT 3 (Pflicht in der Deutschen Eishockey Liga, DEL) oder ein neurokognitiver Test am Computer. Es ist ein Tool, das den Ärzten des Teams hilft, zu entscheiden, wann der Spieler mit dem sechstägigen „Return to Play“-Protokoll anfangen kann. Dies ist allerdings nur möglich, wenn die Ergebnisse des Post-Concussion-Tests denen des Baseline-Tests gleichen.

Dennoch muss dies nicht immer bedeuten, dass es dem Sportler gut geht. Alle Athleten, die ich behandelt habe, hatten eine interessante Vorgeschichte in Bezug darauf, wie es zur Gehirnerschütterung kam, bei welchen Ärzten sie waren und was für Diagnosen sie bekamen. Aber alle Patienten, deren Probleme schon länger als vier Wochen andauern, haben etwas gemeinsam: Sie haben Tage, an denen es ihnen gut geht, und Tage, an denen sie nur auf ihrem Sofa sitzen möchten.

Neurochemische Kaskade

Wir wissen, dass nach einem Zusammenprall oder Sturz (direkt oder indirekt am Kopf) eine neurochemische Kaskade ausgelöst wird, die im Regalfall fünf bis zehn Tage dauert. Das Gehirn braucht Energie, um sich zu erholen. Nur wenn die betroffene Person sich zu Hause in einem abgedunkelten Raum ohne TV, Videospiele, Handy, Bücher etc. komplett ausruht, haben die Augen die Ruhe, die sie benötigen. Von 100 Prozent der Energie, die das Gehirn täglich zur Verfügung hat, verbraucht der visuelle Prozess etwa 70 Prozent.

Die meisten Sportler, die zu mir in die Praxis kommen, sagen, dass sich, wenn sie zum Beispiel Auto fahren oder „in die Stadt" gehen, eine Verschlechterung ihrer Symptomatik einstellt. Es handelt sich also um ein Energieproblem, weil die Augen und das Gehirn viel arbeiten müssen, wenn ihr Körper in Bewegung ist. Das Resultat ist eine Achterbahnfahrt von „mir geht’s gut“ zu „mir geht’s schlecht“ und wieder zurück, die Monate oder Jahre dauern kann und meistens damit endet, dass der betroffene Sportler sich von seinem Umfeld zurückzieht.

Fallbeispiel

Eine 35 Jahre alte Amateursportlerin kam zu mir in die Praxis. Bei einem Freizeit-Fahrrad­unfall vor einem Jahr hatte sie sich den Kopf leicht gestoßen. Innerhalb von ein paar Wochen zeigten sich erste Symptome. Innerhalb eines Jahres hatte sie ihr Training komplett abbrechen müssen, ihre Arbeitszeit drastisch reduziert und ihre Haare kurzschneiden lassen, weil es sie zu viel Energie kostete, die langen Haare zu bürsten. Kontakte zu Arbeitskollegen und Freunden hatte sie abgebrochen. Am liebsten hielt sie sich zu Hause im abgedunkelten Zimmer auf.

Ihre Symptome waren:

  • Kopfschmerzen
  • Nackenschmerzen
  • Schwinde
  • Sehstörungen 
  • Müdigkeit/Erschöpfung
  • Geräuschempfindlichkeit

Die Patientin litt darüber hinaus unter Panikattacken und hatte das Gefühl, dass sie „neben sich“ laufe. Nach einer Panikattacke in einer internistischen Praxis, wurde sie in das lokale Krankenhaus eingeliefert. Dort unterzog sie sich Kopf-MRT, CT und EEG. HNO-Untersuchung, neurologische Untersuchungen sowie internistische Herz-, Blut- und Liquor-Untersuchungen folgten wie auch eine augenärztliche Untersuchung. Alle Befunde waren negativ, so landete sie bei einem Psychologen. Nach drei Sitzungen habe der Psychologe nichts gefunden, was ihr helfen konnte, berichtete die 35-Jährige. Sie brach die Therapie ab.

Abb. links: Augen-Pursuit
Abb. rechts: Konvergenzmessung
Nach der ausführlichen Anamnese und Untersuchung in meiner Praxis, während der sie auch darauf hinwies, dass sie sehr müde sei und das Gefühl habe, ihr rechtes Auge „würde herausfallen“, teilte ich ihr mit, dass sie unter einem Post-Concussion-Syndrom leide. Die Patientin fing an zu weinen: Endlich gab es einen Namen für ihre Situation, eine große psychische Last fiel von ihr ab. Daneben hatte sie noch eine Konvergenzstörung, eine Augenbewegungsstörung. So bekam sie Augenübungen, die sie täglich über einen Zeitraum von sechs Monaten durchführte. Im Anschluss fing sie wieder an zu trainieren und in Vollzeit zu arbeiten. Fast jeder Patient, den ich behandele, hat eine Augenproblematik. Die Übungen sind einfach und können progressiv schwerer gemacht werden. 

Pausen sind essentiell

Sportler, die wissen, dass sie eine Gehirnerschütterung erlitten haben, machen dennoch oft nicht genug Pause vom Sport. Immer wieder hören wir in der Praxis Sätze wie: „Ich war gestern in der Arena und bin ein bisschen Rad gefahren. Und heute geht’s mir schlechter.“ Für Profisportler, aber auch für Trainer, Manager und Mannschaftskollegen ist es manchmal sehr schwierig, eine Verletzungspause einzuhalten. Von außen sieht der Spieler schließlich völlig normal aus. Doch gerade als Mannschafts-Physiotherapeut ist man sehr nah an einem Spieler/Sportler dran. Ich muss ihm dann klar zu verstehen geben, dass er eine Gehirnverletzung hat und, wenn er zu früh zurückkommt, das Risiko besteht, dass das Second-Impact-Syndrom auftritt – was sogar ein frühzeitiges Karriereende bedeuten kann.

Fazit

Es ist nicht möglich generell zu sagen, wie lange ein Spieler nach einer Gehirnerschütterung pausieren muss. Jeder Fall ist anders, individuell. Die Rückkehr in den Sport hängt zum Beispiel davon ab, wie viele Gehirnerschütterungen der Spieler schon hatte und ob diese gut auskuriert wurden. Natürlich ist das unbefriedigend für alle Beteiligten, aber mit einem guten Gehirnerschütterungsprotokoll einer Mannschaft, mit Baseline-Testing und Therapie besteht die Möglichkeit, einen Spieler sicher und auch schneller in den Spielbetrieb zurückzubringen. Mithilfe einer richtigen Ruhestrategie wird das Second-Impact-Syndrom eliminiert.

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Der Autor

David Dale ist seit 2002 staatlich anerkannter Physiotherapeut und Inhaber der Praxis „Schmerzfrei Physiotherapie“ in Hannover. Von 2004 bis 2013 war er als Physiotherapeut und medizinischer Leiter der Hannover Scorpi­ons, die zu dieser Zeit in der höchsten Klasse, der Deutschen Eishockey Liga (DEL) spielten, tätig. Dale ist Mitbegründer des deutschen Vereins Stopconcussions, einem Ableger der gleichnamigen US-amerikanischen Foundation. Der Verein hat sich der Aufklärung und Forschung in Bezug auf Gehirnerschütterungen verschrieben.

Diagnosekriterien

Forscher der amerikanischen Foundation for the National Institutes of Health haben jetzt die Diagnosekriterien für die Chronische traumatische Enzephalopathie festgelegt. Die Expertengruppe mit sieben Neuropathologen um Professorin Ann McKee an der Boston University berichtet in Acta Neuropathologica über die krankheitsspezifische Histopathologie der Erkrankung (doi:10.1007/s00401-015-1515-z).
Fastlink: www.s-ae-z.de/1054

Filmtipp

Neurowissenschaftler Dr. Bennet Omalu untersuchte 2002 an der Uni Pittsburgh post mortem die Gehirne ehemaliger NFL-Stars. Er stellte neurale Degenerationen wie bei dementen Boxern oder Alzheimer-Patienten fest. Die Krankheit taufte er „Chronisch-traumatische Enzephalopathie“ (CTE). 2015 wurde das Thema in den USA verfilmt („Concussion“). Im Februar 2016 kam der Film unter dem Titel „Erschütternde Wahrheit“ in die deutschen Kinos.

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