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Macht der Vorstellungskraft

Medizinische Hypnose in der Anwendung

In der letzten Ausgabe der sportärztezeitung (03/16) haben Dr. Karin Pekovits und Prof. Dr. Robert Gasser einen Einblick in die Medizinische Hypnose als Tool zur Leistungssteigerung im Sport gegeben. Im zweiten Teil des Artikels gehen sie nun auf die Entwicklung motorischer Fertigkeiten, dem Einsatz von Vorstellungsbildern und der Stärkung des Selbstvertrauens mithilfe von Hypnose ein.

Entwicklung motorischer Fertigkeiten

Viele Sportpsychologen, Leistungssportler und Mentaltrainer sind von der Macht der Vorstellungskraft überzeugt und nutzen Visualisierungs- und Imaginationsübungen nicht nur zur Förderung der Entspannung und Beeinflussung des Aktivitätsniveaus, sondern auch zur Entwicklung motorischer Fertigkeiten und Perfektionierung komplexer Bewegungsmuster. Aus wissenschaftlichen Untersuchungen geht hervor, dass Sportler häufig auf ihre Vorstellungskraft zurückgreifen und sich diese auch positiv auf ihre Leistungsfähigkeit auswirkt. Beispielsweise der Golfer Jack Nicklaus, der problematische Schläge stets visualisierte und mental durchspielte und selbst im Training nie einen Schlag machte, ohne vorher ein ganz klares geistiges Bild davon zu haben. Er war davon überzeugt, dass Golf zu 90 Prozent mentale Vorbereitung und nur 10 Prozent körperliches Geschick sei. Liggett fand heraus, dass jene Vorstellungsbilder, die während einer Trance entstanden, deutlich lebhafter und klarer waren und sich unter Hypnose die Intensität solcher Innenbilder hinsichtlich jeglicher Wahrnehmungsmodalität erheblich verstärkte.

Einsatz von Vorstellungsbildern unter Hypnose

Bekanntlich sind Imaginationen nicht allein „im Kopf befindliche Bilder“, sondern vielmehr handelt es sich dabei um sehr unterschiedliche Wahrnehmungsqualitäten, die szenisch miteinander verbunden sind. Die zu einer Szene gehörenden Emotionen, Gedanken, Erwartungen, Wahrnehmungen (visuell, auditiv, olfaktorisch, gustatorisch) und physiologischen Begleiterscheinungen werden als ein einheitliches Erlebnis reproduziert. Mittlerweile ist es gebräuchlich, interne von externen Vorstellungsbildern zu unterscheiden. Bei ersteren sieht der Sportler vor seinem geistigen Auge sich selbst oder eine andere Person eine sportliche Aktivität durchführen, als würde er auf einen Bildschirm schauen. Von externen Bildern spricht man, wenn derjenige, der die Vorstellung aufbaut, auch das sieht, was er während seiner Aktivität sehen würde – wie durch eine am Kopf befestigte Kamera. Spürt die Person, während sie die Bilder produziert, gleichzeitig Muskelbewegungen oder lassen sich feine Muskelkontraktionen beobachten, handelt es sich dabei um eine zusätzliche kinästhetische Komponente, welche die Wirksamkeit der Imaginationen erheblich verstärkt. Schon Edmund Jacobson fand bereits 1930 heraus, dass die Visualisierung von motorischen Abläufen kleinste Muskelkontraktionen bewirkt. Dabei werden genau jene Muskelgruppen stimuliert, die auch bei der realen Ausführung der betreffenden Prozesse in Aktion treten. Dieser Effekt kann nicht nur effektiv bei der Rehabilitation von Verletzungen nach Unfällen oder zur kräfteschonenden Trainingseingewöhnung nach krankheitsbedingten Pausen, sondern auch zur Entwicklung oder Perfektionierung motorischer Fertigkeiten, eingesetzt werden.

Analysieren und Trainieren von Bewegungssequenzen

Die im Sport häufig vorkommenden komplexen Bewegungsabläufe müssen exakt aufeinander abgestimmt sein, um nicht nur erfolgreich, sondern auch effizient im Sinne der Ergonomie zu sein, da ein Wettkampf die mehrmalige optimale Leistungsbereitschaft fordert, ohne Verausgabungen und zu frühe Ermüdung. Entsprechend kann ein Sportler mit Hilfe von Videoaufzeichnungen seine Bewegungen beobachten oder sie in Hypnose analysieren. Ein Vorteil der Entwicklung von Vorstellungsbildern in Trance ist, dass der Klient sich gleichzeitig „von innen“ und „von außen“ (interne bzw. externe Bilder) erleben kann. Außerdem kann der Hypnotisand leichter Fehler erkennen und Korrekturen vornehmen, weil die Flexibilität, ungewohnte Zusammenhänge zu sehen, in Trance größer ist als im Wachbewusstsein. Technische Hilfsmittel haben hingegen, neben dem apparativen Aufwand, den Nachteil, dass der Sportler nur Informationen „von außen her“ erhält, die dann über kognitive Prozesse korrigiert und richtig umgesetzt werden müssen. Zeitlupenwiedergaben sind jedoch auch in Hypnose möglich, so dass der Klient differenziert Analysen durchführen kann, die ihm zu Verbesserung verhelfen. Die Fähigkeit, die Wahrnehmung der Zeit zu verzerren, ist eines der Charakteristika der Trance.

Solche Zeitverzerrungen leisten bei der Perfektionierung von Handlungen hervorragende Dienste und bieten eine ausgezeichnete Möglichkeit, neue Techniken oder Bewegungen zu üben. Zwar kann ein Golfspieler bestimmte Schwünge in Zeitlupe durchgehen, um sie zu optimieren, doch vermag ein Turmspringer einen komplizierten Sprung nur mithilfe der Vorstellungen zu trainieren, bis er ihn das erste Mal in Realität ausführt. Durch die Imagination einer bestimmten Bewegung in Trance, wird die Muskulatur genauso stimuliert, als würde sie die Tätigkeit tatsächlich ausführen. Durch mehrfach wiederholte Vorstellung der Bewegungsabläufe „erinnert“ sich die Muskulatur an die Durchführung genauso, wie das Gehirn sich die Muster der Handlung einprägt. Dieses Phänomen nennt man „Muskelgedächtnis“ und bezeichnet den Erlebniseindruck, der eine Gedächtnisspur hinterlässt, als Engramm.

Entwicklung von Identifikationsbildern

Eine weitere Möglichkeit, die sportliche Leistung wirksam zu verbessern besteht darin, Identifikationsbilder zu entwickeln. Dabei wird der Sportler in Trance dazu angeleitet, eine bildliche Vorstellung von etwas oder jemanden aufzubauen, das oder der über die Eigenschaft verfügt, die er sich aneignen möchte. So kann sich beispielsweise ein Eishockeyspieler mit einer berühmten Persönlichkeit wie Thomas Vanek, ein 100 m Läufer mit einem schnellen Tier (z. B. ein Gepard) oder ein Langstreckenläufer mit einem leblosen Objekt, etwa einer Lokomotive, die unermüdlich weiterfährt, identifizieren. Die Technik bzw. Kraft eines „Experten“ zu imaginieren, sie sozusagen auf sich selbstabzubilden und dann mit dem Identifikationsbild zu verschmelzen, ermöglicht es dem Sportler, in seinem eigenen Körper die korrekte Ausführung bestimmter Bewegungen zu spüren. Die Nutzung von Vorstellungsbildern scheint Sportlern auch am besten dabei zu helfen, hauptsächlich ihre Agonisten zu aktivieren und ihre Antagonisten zu entspannen. Etwa ein Läufer, dessen Bewegungen ein wenig ungelenk und schwerfällig wirken, spannt meistens im gleichen Moment mehr Muskeln als notwendig an – die Agonisten, die ihn tatsächlich dazu befähigen schnell zu laufen und die Antagonisten, die zum gleichen Zeitpunkt eher hinderlich sind. In Trance könnte der Läufer beobachten, wie eine Raubkatze beim Laufen Kraft und Entspanntheit miteinander verbindet, wie sich die Beinmuskulatur des Tiers nur im Moment der Kraftanwendung anspannt und sich beim Abheben des Beins vom Boden wieder entspannt. Der Läufer sollte dann die Vorstellung entwickeln, er laufe selbst und allmählich mit der Raubkatze verschmelzen, indem er sowohl die charakteristische Kombination von Kraft und Entspannung als auch die Geschmeidigkeit der Bewegungen nachempfindet.

Automatisierung komplexer Bewegungsmuster

Ein erfolgreicher Sportler generiert seine Leistung in einer Wettkampfsituation fast automatisch. Beim Erlernen einer Technik kann man im Training die Aufmerksamkeit auf die Atmung, die Armhaltung oder andere Einzelheiten richten, aber während eines Wettbewerbs sind Gedanken an solche Details eher hinderlich. Nicht nur vegetative Reaktionen (z. B. das Einschlafen) oder kognitive Prozesse (Erinnern, Vergessen), sondern auch komplizierte Bewegungsabläufe funktionieren unwillkürlich besser, als wenn man sie durch willentliche und bewusste Beschäftigung erzwingen will. Neu erlernte Techniken in einer selbst- oder fremdinduzierten Trance zu üben kann ihre Automatisierung fördern und dem Sportler die nötige Sicherheit in der Durchführung gewisser Bewegungen vermitteln.

Körperliches und mentales Aufwärmen

Mittels Hypnose kann sich der Sportler optimal körperlich und mental auf die Wettkampfsituation vorbereiten, da er, bevor er an die Öffentlichkeit tritt, all seine nachher geforderten Aktivitäten und Wettkampfstrategien mental durchspielen kann. Durch dieses Aufwärmen erhöht er seine Reaktionsbereitschaft und wird in der Ernstsituation reflektorisch die richtigen Aktionen vornehmen, weil er sich ja stets die perfekte Leistung vorstellt und somit im Gegensatz zum physischen Training auch keine Fehler einübt. Es ist anzunehmen, dass erlernte Reaktionsweisen in Hypnose leichter aktiviert werden können als im Wachzustand. Da Imaginationen deutlich messbare Potenziale an den jeweiligen Muskelgruppen bewirken, erfolgt auf diesem Weg eine gezielte Bereitstellung der Muskeln und ihrer erforderlichen Ablaufprogramme bzw. die in Efferenzkopien abgelegten Motorikinformationen.

Stärkung des Selbstvertrauens

Generell sollte man bei der Arbeit mit Sportlern den Aspekt des Selbstvertrauens einbeziehen, ganz gleich, um welche Probleme es ansonsten geht. Auch durch die in Teil I des Artikels beschriebenen Techniken zur Entwicklung von bestimmten Fähigkeiten, wie das Formulieren von Zielen, die Beeinflussung des Aktivierungs- bzw. Erregungsgrades, die Fokussierung auf entscheidende Aspekte der Situation und das Ausblenden von Ablenkungen gewinnen Sportler innere Kraft und mentale Stärke. Innere Stärke ist neben Talent und Technik der entscheidende Faktor für sportlichen Erfolg. Viele Sportler leiden beispielsweise außergewöhnlich stark unter früheren Misserfolgen. Der Grund dafür ist, dass sich erfolgreiche Athleten in hohem Maße mit ihrer sportlichen Aktivität identifizieren und ihr immense Bedeutung zusprechen – nicht umsonst investieren sie darin extrem viel an Zeit und Energie. Nur zu oft haben Sportler das Gefühl, dass ein Fehler (z. B. ein nicht gelungener Sprung), den sie während eines Wettkampfs gemacht haben, sie wie ein Gespenst verfolgt, und dies wirkt sich im weiteren Verlauf des Wettbewerbs und in zukünftigen ähnlichen Situationen auf ihre Leistung aus. Häufig verändert eine Reihe von Negativerlebnissen die Erwartungshaltung gegenüber zukünftigen Zielen, beeinträchtigt das Selbstvertrauen und kann zu Leistungstiefpunkten führen.

Umgang mit Misserfolgen – Nutzung der hypnotischen Altersregression

Diese Interventionsform ermöglicht sowohl die Aufarbeitung und Beseitigung solcher Negativ-erfahrungen als auch die Reaktivierung früher entwickelter mentaler Ressourcen zwecks Steigerung der gegenwärtigen Leistungsfähigkeit. In Trance kann man einen Sportler (z. B. Bodenturner, Trampolin- oder Turmspringer) in die Wettkampfsituation zurückgeleiten, in welcher sich beispielsweise der Fehler, der sich festgesetzt hat und seither immer wieder auftritt, ereignete und ihn auffordern, den Handlungsablauf, wie ein Videoband, zurückzuspulen, die Bewegung zu korrigieren und erfolgreich zum Abschluss zu bringen. Durch die mehrmalige gelungene Ausführung der Übung in Trance erlangt der Sportler die nötige Selbstsicherheit, um die Übung auch fehlerlos in der Realität ausführen zu können. Auch Sportler, die mehrere Niederlagen erlitten haben und seither Versagensängste und Selbstzweifel plagen, können in frühere Situationen zurückgeführt werden, in denen sie erfolgreich waren. Die damit verbundenen positiven Gefühle lassen sich in Trance auf die derzeitige Situation übertragen, um die gewohnte Leistungsfähigkeit wiederherzustellen.

Fazit

Wie aufgezeigt wurde, sind die Anwendungsgebiete der medizinischen Hypnose im Leistungssport äußerst vielfältig. In Anbetracht dieser zahlreichen positiven Effekte stellt sich nun aber die Frage, ob nicht auch psychoregulative Verfahren, wie die Hypnose eines darstellt, Gefahren in sich bergen. Beispielsweise wurde in den 1980er Jahren kurzzeitig der Begriff des „psychischen Dopings“, worunter man in erster Linie die Anwendung von Suggestionsmethoden und Hypnose zur Leistungssteigerung verstand, in die Dopingdefinition einbezogen, welcher jedoch bald wieder von der Liste verbotener Dopingmittel gestrichen wurde, da sowohl die Abgrenzung zu erlaubten Methoden, als auch der sichere Nachweis von psychischen Manipulationen kaum möglich sind. Seither wird in Diskussionen immer wieder dieselbe Fragestellung erörtert: Stellt der Einsatz mentaler Beeinflussungsmaßnahmen im Sport, einschließlich der Hypnoseanwendung, eine Form des psychischen Dopings dar?

Die Möglichkeit, sowohl Emotionen und Gefühle als auch physiologische Vorgänge im eigenen Organismus durch psychische Beeinflussung selbst aktiv zu verändern und zunehmend besser beherrschen zu können, ist von grundlegender Bedeutung und stellt im Sport eine entscheidende Leistungsreserve dar. Durch psychische Selbstregulation kann eine zeitweilige situationsangepasste Aktivierung oder Dämpfung psychischer Prozesse und psychovegetativer Abläufe erreicht werden. Das Ziel der psychischen Beeinflussung besteht also eindeutig in der Entwicklung und Verbesserung der Selbstregulationskompetenz, d. h. sie ist darauf ausgerichtet, den aktuellen Zustand und emotionale Prozesse anforderungsbezogen zu optimieren. Dies ist nicht nur legitim, sondern der eigentliche Sinn psychologischer Arbeit mit Sportlern.

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Der Autor

Prof. Dr. med. Robert Gasser studierte Medizin an der Universität Innsbruck und Physiologie an der Oxford University UK (PhD). Er ist Vorsitzender des Universitären Herzzentrums (Herzchirurgie, Kardiologie, assoziiert Kinderkardiologie, Herzanästhesie) der Medizinischen Universität Graz und Autor von ca. 1.000 Veröffentlichungen. Außerdem ist Prof. Dr. Gasser Zusatzfacharzt für Internistische Sportheilkunde.

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