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Under Pressure

Isometrisches Training als Therapie bei Arterieller Hypertonie

Arterielle Hypertonie hat weltweit eine hohe Prävalenz; die höchste Hypertonieprävalenz in Europa findet sich in Deutschland, wo mehr als 25 % der Männer und Frauen als hypertensiv gelten. Obgleich die arterielle Hypertonie in den meisten Fällen keine Beschwerden beim Betroffenen verursacht, ist sie ein relevanter Risikofaktor für kardiovaskuläre Folgeerkrankungen wie z. B. Schlaganfall und Herzinfarkt. PD Dr. Felix Post zeigt, dass Isometrisches Training eine Therapieoption darstellen kann.

Bei der medikamentösen Therapie der arteriellen Hypertonie wurden in den letzten Jahrzehnten große Anstrengungen unternommen, um neue potentere und nebenwirkungsärmere Substanzen zu etablieren, nicht zuletzt, weil dies ein milliardenschwerer Markt ist. Häufig wird jedoch vernachlässigt, dass die Bludrucktherapie zwei Säulen hat: die medikamentöse Therapie und die sogenannte „Lifestylemodifikation“, zu der neben diätetischen Maßnahmen auch Sport gehört. Auch wenn alle medizinischen Leitlinien großen Wert auf die „Lifestylemodifikation“ als Therapeutikum legen, fassen sie sich jedoch bei der Beschreibung der „Lifestylemodifikation“ recht kurz. Die gutgemeinte Empfehlung des Arztes: „Treiben sie Sport!“ ist in etwa so klug wie die Aussage: „Nehmen sie irgendein Medikament in irgendeiner Form.“

Was und wie viel?

In den aktuellen Leitlinien der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) von 2013 (1) für das Management einer Arteriellen Hypertonie, bestehend aus 60 Seiten, beschreibt nur ¼ Seite den Einsatz von „regular physical exercise“. Das ist weniger als der umstrittenen Salzrestriktion oder dem Stoppen von Rauchen gewidmet wird.  Dies ist umso überraschender, da mehrere Studien zeigen konnten, dass durch den gezielten Einsatz von Sport ähnliche Effekte auf den Blutdruck erzielt werden konnten, wie es mit manchen medikamentösen antihypertensiven Konzepten gelang. Wenn man also Sport deshalb als Antihypertensivum bezeichnet, so würde man Informationen über Dosis und Anwendung dieses „Medikaments“ erwarten, sucht aber vergeblich. Die Dosierung lautet: „Vor allem moderates aerobes Training an fünf bis sieben Tagen die Woche.“ Was ist moderat? Was ist Training? Andere Trainingsformen werden nur in jeweils einem Satz erwähnt. In meiner Tätigkeit als Arzt stellt es einen ausgesprochenen Glücksfall dar, wenn ich einen Patienten (der bisher keinen Sport betrieben hat) zu fünf bis sieben Tagen Sport pro Woche motivieren kann. Diese Glücksmomente habe ich zwei bis dreimal pro Jahr, obwohl ich an nahezu jedem Arbeitstag Hypertoniker berate. Diese zwei bis drei Patienten profitieren jedoch nicht nur durch eine Blutdrucksenkung. Generell bessert sich bei diesen Patienten Körperzufriedenheit und ihre allgemeine Stimmungslage.

Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2011 von Cornelissen, Fagard, Coeckelberghs und Vanhees (2, 3) weist antihypertensive Effekte für dynamisches Training, jedoch noch stärkere Effekte für isometrisches Training nach. Die Kollegen beklagen jedoch, dass die Datenlage weiterhin auf zu wenigen und zu kleinen Studien fußt. Die Ergebnisse zu isometrischem Training sind umso überraschender, da sich die Ergebnisse dazu auf drei Studien zu „isometric handgrip training (IHGT)“ bezogen. Eine Trainingsform, die vom trainingsphysiologischen Ansatz „optimierungsbedürftig“ erscheint. Es wird in der Regel ein Gummi- oder Tennisball mehrfach für 60 – 120 Sekunden an vier bis sechs Tagen die Woche gedrückt. Trotzdem konnten diese Ergebnisse in einer weiteren Metaanalyse aus dem Jahr 2014 von Millar und Kollegen bestätigt werden (4). Die beschriebene Blutdrucksenkung entspricht der einer medikamentösen Monotherapie.

EMS-Ganzkörpertraining

EMS-Ganzkörpertraining stellt eine strukturierte Art der Muskelstimulation mittels Reizstrom dar. Auch wenn Puristen dieser Art von Training jegliche sportliche Effekte absprechen und die Methode als Modeerscheinung oder „teuren Schnickschnack“ aus der Fitnessindustrie abtun, liegen bereits seit längerem medizinische Ergebnisse vor. Bereits 2010 konnte in einer Studie an herzinsuffizienten Patienten mit einem Gerät älterer Generation beeindruckende Effekte bezüglich objektiven und subjektiven Parametern der Leistungsfähigkeit gezeigt werden. Mit moderneren Geräten, die auch mittelfrequente Ströme nutzbar machen, sind noch größere Effekte zu erwarten. Therapie der Skelettmuskeln am Menschen mit mittelfrequentem Wechselstrom führt im Durchströmungsbereich zu lokaler Kontraktion. Diese ist eine Folge der reaktiven Depolarisation der Muskelfasermembranen bis zur maximal möglichen Plateaudepolarisation und ist mit dieser vollkommen reversibel. Es handelt sich somit um eine direkte Aktivierung der Muskelfasern durch den Mittelfrequenzstrom, ohne Mitbeteiligung der efferentnervösen Versorgung, d. h. also um eine echte, im wahren Sinn als physiologisch zu bewertende Kontraktion. Diese Kontraktionsform wird auch subjektiv als Muskelspannungsgefühl empfunden. Diese als Tonisierung bezeichnete Wirkung ist der willkürlichen Muskelkontraktion deutlich ähnlicher als die durch niederfrequente Ströme induzierte „Tetanisierung“ (5). Diese modernere, physiologischere Form des EMS-Trainings nennt man auch EMA-Training. Für die Therapie von Muskelverletzungen konnte dies bereits gezeigt werden (6). Das Ausmaß der isometrischen Belastung durch EMA­Training, sollte dem Drücken eines Tennisballs weit überlegen sein.

Patientenbeobachtung

Wir beobachteten deshalb den Verlauf des mittleren Blutdrucks bei zehn Personen, die über den Zeitraum von drei Monaten ein EMA-Ganzkörpertraining durchführten. Insgesamt wurden zehn Patienten mit einer Hypertonie der WHO-Stufe zwei bis drei über einen Zeitraum von drei Monaten beobachtet. Alle Personen unterzogen sich vor dem EMA-Training einem gründlichen kardiologischen Check-up (EKG, Echokardiographie, Stressechokardiographie, Carotis-Duplex, Langzeit-EKG und Langzeit-Blutdruckmessung, Laborparameter). Nichtinvasiv gab es bei keiner Person einen Anhalt für das Vorliegen einer koronaren Herzerkrankung, bzw. eines weiteren hypertensiv bedingten Endorganschadens. Bei allen Individuen wurde ein EMA-Training mit einem Gerät der Firma amplitrain systems GmbH zweimal pro Woche durchgeführt. Das Trainingssystem Amplitrain zeichnet sich besonders durch den Einsatz von Mittelfrequenz im Bereich 2000 Hz aus. Durch den Einsatz von mittelfrequenter Energie wird eine physiologischere Form der Muskelkontraktion bewirkt als mit niederfrequenter Energie. Das Gerät bietet mehrere Einstellungsmöglichkeiten für ein Training und bei allen Patienten wurde das „Herz-Kreislauf“ aus der Programmgruppe „Sport“ gewählt. Zusätzlich stehen in dieser Programmgruppe noch die Programme „Hypertrophie“, „Krafttraining“, „Schnellkraft“, „Kraftausdauer“, „Fettverbrennung“ und „Ausdauer“ zur Verfügung. Die Programme dauern jeweils 20 Minuten, unterscheiden sich aber maßgeblich in ihren Profilen. Die Stromstärke wurde so gewählt, dass sie für den Patienten nicht als unangenehm empfunden wurde, war also nicht standardisiert.

Alle Personen wurden gebeten, für den Zeitraum von drei Monaten ihre Ernährung  nicht umzustellen und ihre übrige sportliche Betätigung nicht zu steigern. So sollte gewährleistet werden, dass möglichst keine weiteren Effekte den Blutdruck verändern. Ebenfalls sollte, soweit medizinisch vertretbar, die begleitende Blutdruckmedikation nicht gesteigert werden. Dies konnte bei allen Personen eingehalten werden. Allerdings wurde bei drei Personen im Verlauf der Beobachtung die Begleitmedikation durch den Hausarzt verringert. Bei allen Teilnehmern wurde einmal monatlich und nach Abschluss eine Langzeitblutdruckmessung durchgeführt. Andere Parameter wie Körpergewicht, Muskelmasse, linksventrikuläre Hypertrophie, Belastbarkeit oder Lipidprofil wurden nicht erhoben.

Ergebnisse

Subjektiv bemerkten alle Teilnehmer eine Besserung ihres Wohlbefindens und fühlten sich vitaler. Sieben der zehn Teilnehmer berichteten über eine verbesserte Schlafqualität. Bei allen Personen besserte sich sowohl der systolische Blutdruck als auch der diastolische Blutdruck im Verlauf. Die weiter oben beschriebene Studie Fritsche et al., die Reizstrom bei Patienten mit Herzinsuffizienz untersuchte, beschrieb nur Effekte auf den diastolischen Blutdruck (allerdings bei einem anderen Patientenkollektiv mit begleitender multimodaler medikamentöser Therapie). Unsere Beobachtungen decken sich jedoch mit den Metaanalysen zu isometrischem Training, die Effekte sowohl auf systolischen als auch auf diastolischen Blutdruck beschrieben. Die systolische Blutdrucksenkung betrug im Mittel 12,4 mm Hg, die diastolische Blutdrucksenkung betrug 9,7 mm Hg. Dadurch, dass der systolische Blutdruck stärker als der diastolische Blutdruck gesenkt wurde, zeigte sich ebenfalls ein positiver Einfluss auf die Pulsdruckkurve. Zu Beginn zeigten vier der zehn Teilnehmer ein Dipperprofil in der Blutdruckkurve, zum Ende der Beobachtung waren es sechs. Dipperprofil beschreibt eine Blutdruckabsenkung nachts um mindestens 10 – 15 Prozent. Sogenannte Non-Dipper weisen ein 3,8-fach erhöhtes kardiovaskuläres Risiko gegenüber Dippern auf. Ein Dipperprofil ist außerdem ein Marker für eine bessere Schlafqualität.

Fazit

Auch wenn diese Untersuchung nur ein „proof-of-principle“ darstellt, vermittelt sie doch eine Ahnung davon, welche Effekte durch EMA-Ganzkörpertraining bei der Therapie einer arteriellen Hypertonie bewirkt werden können. Dies sollte in größeren Studien über einen längeren Beobachtungszeitraum untersucht werden. Hierbei sollten zusätzliche Parameter untersucht werden, das die Effekte auf den Blutdruck nur Surrogatparameter für eine Gesamtheit an metabolischen Veränderungen, die ein EMA-Ganzkörpertraining im Mittelfrequenzbereich bewirkt, darstellt. Auch wenn der Zeitaufwand höher ist, als der eines isometrischen Handgriptrainings, erscheint der Ansatz ganzheitlicher als der des Drückens eines Tennisballs. Der Zeitaufwand ist deutlich geringer, als der eines konventionellen dynamischen Trainings.

Prinzipiell könnte durch ein gezieltes HIIT-Programm (High intensity intervall training) der Zeitaufwand verkürzt werden, hier ist jedoch zu prüfen, ob solche Programme beim Hypertoniker sicher sind. Vom „Standardblutdruckpatienten“ im klinischen Alltag werden HIIT-Programme nicht akzeptiert, da sie zu anstrengend sind. EMA-Ganzkörpertraining könnte ein Angebot für diese Patienten sein, die eigentlich keinen „richtigen Sport“ betreiben wollen. Bereits jetzt scheint sich zu zeigen, dass EMA-Ganzkörpertraining bei Hypertonikern des Schweregrades WHO 2 – 3 nicht nur sicher ist, sondern sich sogar positiv auf den Trainierenden auswirkt.

Die Literaturliste können Sie unter info@thesportgroup.de anfordern

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Der Autor


PD Dr. med. Felix Post
ist Chefarzt der Inneren Medizin/Kardiologie am Katholischen Klinikum Koblenz-Montabauer sowie Facharzt für Internistische Intensiv­medizin.

Lesetipp

Kapitel 14.5 „Therapietechniken“ im Buch „Muskelverletzungen im Sport“

Dr. Müller-Wohlfahrt, Dr. Ueblacker und Dr. Hänsel
Thieme Verlag, 2. Auflage 2014
ISBN 978-3131467522 € 179,99

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