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Studien zeigen, dass die Anzahl und Schwere von Verletzungen durch gezielte Präventionsprogramme deutlich reduziert werden können.

Fußball-Erstligist TSG 1899 Hoffenheim setzt darum auf ein spezielles Präventionstraining. Das medizinische Team des Vereins geht mit diesem Programm auch ins Rennen um den Arbeitsschutzpreis 2016 der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG).

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Verletzungen sind kein Schicksal

Physiotherapeut Christian Neitzert über den Status quo der Prävention und ein Pilotprojekt der TSG 1899 Hoffenheim

Verletzungen gehören zum Profifußball dazu. Steigt die Belastung, steigen auch die Risiken für die Spieler, etwa im Rahmen von Turnieren. So konnte man nach dem Gewinn des Weltmeistertitels durch die deutsche Fußballnationalmannschaft in der Wirtschafts- und Finanzzeitung „Handelsblatt“ lesen: „Die Bundesliga ist ein großes Lazarett“ (Ausgabe vom 22.11.14). Muss das so sein, oder gibt es Entwicklungen, die dem entgegensteuern?

„Verletzungen sind kein Schicksal.“ Dies ist der Slogan der Symposien „Prävention im Fußball“ der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG). 2015 fand das Symposium in der Veltins-Arena des FC Schalke 04 statt, dieses Jahr wird die Veranstaltung in der Wirsol Rhein-Neckar-Arena der TSG 1899 Hoffenheim durchgeführt. Und in der Tat zeigen Studien, dass die Anzahl und Schwere der Verletzungen durch gezielte Präventionsprogramme deutlich reduziert werden können. Ist Prävention also der Schlüssel zu einem verletzungsfreien und erfolgreichen Sport?

Interdisziplinärer Austausch

Seit Sommer 2014 arbeite ich als gelernter Physiotherapeut in meiner Rolle als Präventivtrainer fast täglich mit den Erstligaspielern der TSG Hoffenheim zusammen. Unterstützt werde ich dabei von drei weiteren Physiotherapeuten. Zum medizinischen Team gehören darüber hinaus zwei Ärzte, ein hauptverantwortlicher Athletiktrainer und ein Rehatrainer. In regelmäßigen Abständen kommen weitere externe Physiotherapeuten und zusätzliche Experten hinzu. Dieser interdisziplinäre Austausch ist uns enorm wichtig.

Jeden Morgen werden im Team die präventiven Maßnahmen besprochen. Eine meiner Aufgaben ist es, die beiden Abteilungen Athletik und Physiotherapie zusammenzuführen, was für die tägliche Arbeit extrem vorteilhaft ist. Aufgrund meiner Erfahrungen als Physiotherapeut und meiner Kenntnisse in Manueller Therapie und weiterer übergreifender Methoden habe ich eine oft andere Perspektive, zum Beispiel auf funktionelle Defizite, als meine Kollegen im Athletikteam.

Wichtig sind immer die Abstimmung untereinander und das Zusammenspiel des ganzen Teams aus Trainer, Therapeut und Arzt. Nur wenn sportliche und medizinische Leitung als Einheit agieren, hat man auch bei den Spielern die notwendige Akzeptanz, die es braucht, um ihnen individuelle Übungen zu verordnen, die funktionelle Defizite ausgleichen können. Auf Basis dieser Zusammenarbeit im medizinischen Team ist ein Projekt entstanden, mit dem wir uns um den VBG-Arbeitsschutzpreis 2016 bewerben.

Projektziele

Kern des Projekts ist die Erweiterung der athletischen Abteilung der Lizenzabteilung der TSG 1899 Hoffenheim durch einen Physiotherapeuten als Präventivtrainer. Ziel ist die Prävention von Verletzungen aufgrund funktioneller Defizite im musculoskeletalen Bereich durch Verknüpfung von therapeutischen und athletischen Trainingsprogrammen im täglichen Trainingsbetrieb. Funktionelle Defizite führen zu Kompensationsmustern, die speziell bei hohen sportlichen Belastungen zwangsläufig auf Dauer zu Verletzungen führen. Deshalb ist ein frühes Erkennen und zielgerichtetes Korrigieren präventiv notwendig.

Die Defizite in den Bereichen Mobilität, Stabilität und Koordination sollen dabei durch standardisierte Screeningverfahren, wie z.B. Functional Movement Screen, bei den Spielern erkannt und dokumentiert werden. Zudem werden regelmäßige Tests zur Kontrolle der Trainingsmaßnahmen durchgeführt. Die trainingsbezogene Umsetzung erfolgt durch gezielte funktionelle und therapeutische Trainingsprogramme in Gruppen- oder Einzeleinheiten mit allen Spielern der Lizenzspielerabteilung. Die Spieler mit größeren Defiziten oder Vorverletzungen werden in individuellen Trainingseinheiten im Laufe der Trainingswoche betreut.

Weniger Verletzungen

Das präventive Training ist fester Bestandteil im normalen Trainingsbetrieb der Lizenzspieler der TSG Hoffenheim und wird in Aufwärmprogramme oder Stabi-Kraft-Programme integriert. Somit absolviert jeder Spieler in einer regulären Trainingswoche mehrere Einheiten zur Verletzungsprävention in Gruppen- oder auch in Einzelterminen ohne einen nennenswerten zeitlichen Mehraufwand.

Zu beobachten ist ein deutlicher Rückgang von muskulären Verletzungen im Spiel- bzw. Trainingsbetrieb. Zudem helfen die funktionellen Übungsprogramme bei der Integration von rehabilitierten Spielern in den normalen Trainingsbetrieb. Sie wirken deutlich präventiv und vermeiden Folgeverletzungen.

Ausfallzeiten reduziert

Neu an diesem Projekt ist die Verknüpfung von Therapeut und Trainer in einer Person, dem Präventivtrainer. Zudem erfolgt eine feste Integration von präventiven Maßnahmen in den Trainingsalltag. Der besondere Stellenwert liegt darin, dass durch die Maßnahmen zur Verletzungsprophylaxe die Leistungsfähigkeit der gesamten Mannschaft gesteigert werden kann und die Ausfallzeiten deutlich reduziert werden können. Der materielle und zeitliche Aufwand ist gering bei gleichzeitig sehr hohem Nutzen.

Prinzipiell ist dieser Ansatz auch im Amateursport umsetzbar – hier weniger in der zusätzlichen Trainerstelle, als vielmehr in Form zusätzlicher Fortbildung von Trainern oder Physiotherapeuten, die diese Inhalte in Training und Behandlung einfließen lassen können. Die bei der TSG 1899 Hoffenheim gewonnenen Praxiserfahrungen könnten in derartige Fortbildungsangebote einfließen.

Ausblick

In der vergangenen und der laufenden Saison konnte die Anzahl an sogenannten Non-contact-Verletzungen bei der TSG 1899 Hoffenheim deutlich reduziert werden. Dies bestätigt uns in unserer Arbeit. Das Konzept eines ­Präventivtrainers, der in enger Abstimmung mit Trainern, Therapeuten und Ärzten agiert, ist absolut zukunftsträchtig. So hat in den vergangenen Monaten auch das Interesse anderer Vereine zugenommen. Im Profifußball ist das alles noch eine Art Pionierarbeit. Das Potenzial, das darin steckt, ist aber gewaltig.

 

Projekt Präventationstrainer-TSG-1899-Hoffenheim-Wirksamkeitsnachweise

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Der Autor

Christian Neitzert ist Physiotherapeut beim Fußball-Erstligisten TSG 1899 Hoffenheim. Im Jahr 2014 schloss er eine berufsbegleitende Ausbildung zum Präventivtrainer am OS Institut –  Bewegung für Orthopädie und Sportmedizin von Oliver Schmidtlein in München ab.

Preis für Prävention

Der Arbeitsschutzpreis und der Präventionspreis Sport 2016 werden von der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG) vergeben. Einzelpreise sind mit bis zu 15.000 Euro dotiert. Außerdem werden Medaillen in Gold, Silber und Bronze verliehen.

Bewerben können sich VBG-Mitglieds­unternehmen und -vereine, die z.B. neue Organisations- und Motivationskonzepte anbieten oder Projekte zur präventiven Trainingssteuerung umgesetzt haben. Eine unabhängige Jury aus Vertretern der Selbstverwaltung der VBG und externen Experten entscheidet über die Vergabe der Preise. Die diesjährige Preisverleihung findet im Juli statt.

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