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Rückenschmerz

Verletzungsprophylaxe und „Return to play“ im Nachwuchsleistungssport

Laut aktueller Studienlage sind Rückenschmerzen im Leistungssport aufgrund der hohen Beanspruchung des Rumpfes mittlerweile an der Tagesordnung, unabhängig von der Sportart oder Altersstruktur. Jeder siebte Befragte gab an, von Rückenschmerzen betroffen zu sein. Der Rumpf als Stabilisationselement und Überträger der Kraft sollte somit eine zentrale Rolle im Trainingskonzept jedes Freizeit- oder Leistungssportler spielen.

Besonders dem Leistungssport von Heranwachsenden wird eine besondere Aufgabe zuteil, Potenziale für langfristige Erfolge im Spitzensport aufzubauen. Der Nachwuchsleistungssport ist durch eine Reihe von Besonderheiten gekennzeichnet, wie biologischer Reifungsprozesse, einschließlich hormoneller Veränderungen und körperlicher Wachstumsprozesse, Veränderungen von Belastungsreaktionen und –anpassungen. Die Beanspruchung im Leistungssport hat sich in den letzten Jahren enorm verändert, er ist schneller und athletischer geworden. Veränderte Wettkampfanforderungen bedingen Konsequenzen der Trainingsgestaltung, der Belastbarkeitssicherung und der Verletzungsprophylaxe sowie der Primär- als auch Sekundärprävention im Nachwuchsleistungssport.

Lateralreflexion -Diagnostik und Training

Dies betrifft insbesondere den Rumpf. Um eine hohe Beanspruchbarkeit des Rumpfes bei definierten Belastungsreizen zu sichern und zu entwickeln, sind eine wissenschaftlich fundierte und abgesicherte Diagnostik, Beratung und Betreuung bezüglich kurz-, mittel- und langfristiger Adaptationsprozesse und –grenzen notwendig. Die Grundlage dafür ist die Zusammenarbeit in einem interdisziplinären Umfeld, wo Orthopäden, Physiotherapeuten sowie Sportwissenschaftler Hand in Hand miteinander arbeiten.

Fallbeispiel

Beweglichkeits-Test
Ein 17-jähriger Bundesliga-Nachwuchsfußballer hatte bei seiner typischen Schussbewegung einschießende und stechende Schmerzen im Lumbalbereich. Nach radiologischer Untersuchung wurde ein hochgradiges Pedikelödem diagnostiziert. Dies hatte zur Folge, dass er eine komplette Saison pausieren musste. Nach der Harmonisierung des Knochenstoffwechsels, der Besserung der klinischen als auch der radiologischen Zeichen des Knochenstresses konnte begonnen werden, ihn symptomorientiert wieder zu belasten. Seine Symptomatik verbesserte sich, aber die stechenden Schmerzen bei der Schussbewegung blieben. Der nächste Schritt war eine fachübergreifende Diagnostik in unserer Spezialeinrichtung für Rückenschmerz. In enger Zusammen­arbeit mit dem behandelnden Orthopäden und dem Physiotherapeut konnte ein ausgiebiger Sportfunktionstest durch einen Sportwissenschaftler durchgeführt werden. Dieser bestand aus:

  • Testung der neuromuskulären Aktivierung der myofaszialen Ketten sowie der lokalen Stabilisatoren mit Hilfe des Schlingensystems
  • Testung der Beweglichkeit und Stabilität anhand einer Testbatterie
  • Krafttest der globalen Muskulatur der Lendenwirbelsäule auf allen drei Bewegungsebenen

Ergebnisse

Analyse
Im Krafttest zeigten sich überdurchschnittlich gute Kraftwerte in Extension, dagegen aber stark defizitäre Kraftwerte in Lateralflexion und Rotation (Frontal- und Transversalebene). Die Beweglichkeit der Lendenwirbelsäule war in Flexion deutlich eingeschränkt. Die Ergebnisse der neuromuskulären Aktivierung zeigten eine fehlerhafte Ansteuerung der lokalen Stabilisatoren (m. transversus abd./mm.mutifidii) sowie eine Kompensation der globalen Muskulatur über den m.erector spinae. Des Weiteren wurde die laterale Kette als dysfunktional bewertet. Nach der disziplinübergreifenden Auswertung der Ergebnisse wurde ein Behandlungskonzept erstellt, das eine schnelle Genesung gewährleistete, aber zu keinem Ausschluss des sportartspezifischen Trainings führte und trotzdem eine ausreichende Regenerationszeit gewährleistet war. Ein kontinuierlicher Dialog mit dem Physiotherapeuten und Trainer ist dafür unerlässlich.

Therapie

Die Therapie sollte über neun Wochen zweimal pro Woche im Rückenzentrum Am Michel stattfinden. Nach jeder Einheit wurde dem Trainer und Physiotherapeuten eine Rückmeldung über die Belastungsintensität gegeben, um das sportartspezifische Training entsprechend anzupassen und um eine Überbelastung auszuschließen und die optimale Wiederherstellung zu garantieren. Zu Beginn stand die Bewegungskontrolle im Lumbalbereich im Fokus, da sich ein starkes Extensionsmuster manifestiert hatte. Über das Schlingensystem wurden die lokalen Stabili­satoren reaktiviert und über Ultraschall dem Sportler ein Biofeedback der optimalen Ansteuerung gegeben. Folgend wurden die lokale und globale Muskulatur rekrutiert, um wieder harmonisiert miteinander zu arbeiten. Dies wurde über körpergewichtstragende Übungen im Schlingensystem angesteuert. Die Instabilität der Seile sowie die Möglichkeit, dem Sportler vorerst Teile seines Körpergewichts zu entlasten, macht es möglich, eine hohe Bewegungsqualität zu gewährleisten. Das Ziel ist die neuromuskuläre Re-Aktivierung der lokalen Stabilisatoren und der globalen Mobilisatoren ohne Körpergewichtsentlastung.

Multi-Suspension
Neurac-Laterale Kette

Nachdem die Kontrolle und die Stabilisation in der Lendenwirbelsäule gegeben waren, konnten wir anfangen, aktiver in der globalen Muskulatur zu arbeiten. Der Fokus bestand hier in der Harmonisierung der lateralen Kette, deren Hauptmobilisator der m.gluteaus medius ist. Diese myofasziale Kette ist dafür verantwortlich das Becken, vorallem im Einbeinstand zu stabilisieren, für einen Fußballer mit einer kraftvollen Schussbewegung also ein zentraler Faktor. Mit hohen neuromuskulären Reizen und kurzen intensiven Trainingssätzen wurden die Muskeln aufgefordert, wieder in der richtigen Intensität, zum richtigen Zeitpunkt und in der optimalen Reihenfolge zu rekrutieren. Zeitgleich wurde begonnen, das muskuläre Kraftdefizit auf der Frontal- und Transversalebene durch ein isoliertes Hypertrophietraining an spezielle Rumpfgeräte zu beheben. Zum Ende der Therapie fokussierten wir uns ausschließlich auf ein isoliertes Maximalkrafttraining der Lateralflexoren und Rotatoren und das funk­tionelle Training über Multi-­Suspension Exercises, um über maximale Instabilität höchste Core Control zu erreichen (Training mit allen vier Extremitäten in den Schlingen). Gleichzeitig wurde das sportartspezifische Training sowie die Einsatzzeit in den Ligaspielen erhöht. Der Sportler kann wieder schmerzfrei seine Schussbewegung ausführen und ist zurück als Stammspieler in der Mannschaft. Sein individuelles Trainingsprogramm führt er vor Ort eingebettet in sein sportartspezifisches Training als Athletiktraining weiterhin durch.

Fazit

Grundlage für eine effektive Behandlung von Rückenschmerz ist eine differenzierte, fachübergreifende Diagnostik, Behandlung nach neuestem wissenschaftlichem Kenntnisstand und eine nachhaltige Prävention. Für eine Leistungsoptimierung sowie der Verletzungsprophylaxe ist es entscheidend den Rumpf als zentrales Element für funktionelle Stabilität und Kraftübertragung (Summierung der Kräfte) ins Training zu implementieren.

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Die Autorin

Claudia Teichmann ist Dipl. Sportwissenschaftlerin (Studium an der Universität Leipzig) und Certified Neurac Provider und Ausbilderin für Neurac1 und Redcord Active. Sie leitet die Prävention am Rückenzentrum Am Michel in Hamburg, hat außerdem die A-Lizenz Fitnesstrainer des DFLV und ist medizinische Regenerationstrainerin (Trainerakademie Köln).

Info

Gemeinsam mit den Sporttherapeuten des Rückenzentrums prüfen die Orthopäden den aktuellen Leistungsstand des Patienten, die individuellen Ziele und die dafür nötigen Schritte: „Wir führen Ausdauer-Leistungs- und Krafttests durch, prüfen Koordination, Bewegungsabläufe, Defizite und Ressourcen. Letztendlich geht es darum, vorhandene Ressourcen zu stärken und Defizite Stück für Stück abzubauen.“ Die Orthopäden im Rückenzentrum Am Michel beraten Leistungs- und Freizeitsportler, um beste Voraussetzungen für ein gesundes und effektives Training zu schaffen. Wirksamer als Medikamente, aber schwieriger anzuwenden. Deshalb sei es sehr wichtig, nicht auf eigene Faust zu experimentieren, sondern sich spätestens beim Auftreten von Problemen professionell beraten zu lassen: „Ein falsches Training hat auch Nebenwirkungen, das darf man nicht unterschätzen.“

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