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Quo vadis Handballmedizin?

Internationale und nationale Entwicklungen

Handball ist eine der populärsten Sportarten in Europa und der zweitgrößte Mannschaftsport in Deutschland. Der Deutsche Handballbund (DHB) zählt mehr als 750.000 Mitglieder, wobei der größte Landesverband mit über 95.000 Mitgliedern der Bayerische Handballverband ist. Der professionelle Handball in Deutschland hat sich weltweit auf höchstem Leistungsniveau etabliert, dies sowohl auf finanzieller als auch organisatorischer Ebene.

Handball ist insgesamt ein schneller, dynamischer und körperlich fordernder Sport, der sich zunehmender Beliebtheit erfreut, auch gerade wegen neuen Entwicklungen wie Beach-Handball. Um auf höchstem Niveau mitspielen zu können, müssen die Spieler den ständig erhöhten athletischen Anforderungen widerstehen können und sind dadurch einem
hohen Verletzungsrisiko ausgesetzt. Handball zählt zu den fünf gefährlichsten Sportarten bezüglich Anzahl und Schwere der Verletzungen. Akute Gelenksverletzungen, insbesondere des Sprunggelenks und des Kniegelenks, sind häufig und auch Gehirnerschütterungen sind keine Seltenheit. Insbesondere die vordere Kreuzbandruptur (VKB-Ruptur) ist die häufigste schwere Verletzung, deren Inzidenz mit 0,84 Verletzungen pro 1000 h Handball beschrieben wurde, bei Frauen mit 1,82 pro 1000 h sogar mehr als doppelt so hoch [1]. Das Schultergelenk wurde in Studien bereits als häufigste Körperstelle für Überlastungsschäden im Erwachsenenbereich beschrieben, während bei Jugend-Landesauswahlkadern die Schulter die Nummer 3 nach Rücken- und Kniebeschwerden einnimmt [2, 3]. Das Verletzungsrisiko im Handball kann sich aufgrund der steigenden Anzahl an Spielen pro Monat in allen Leistungsklassen sogar ständig erhöhen, insbesondere wenn die Sportler auf dem höchsten, nationalen und internationalen Niveau spielen. Trotz einer Reihe an wissenschaftlichen Forschungsprojekten und praktischen Präventionsinitiativen hinkt die Erforschung von Sportverletzungen im Handball im Vergleich zu anderen Sportarten zurück, insbesondere wenn es darum geht, mittels evidenzbasierter Medizin und Wissenschaft diese Sportart zu unterstützen. So offenbart z.B. ein Blick in die wissenschaftliche medizinische Literatur der Literaturdatenbank „Pubmed“ mehr als zehn Mal so viele Forschungsergebnisse im Fußball und sogar mehr als fünf Mal so viele Publikationen im Basketball und Volleyball im Vergleich zum Handball.

Internationaler Handball – Ein Motor der Handballmedizin

Seit einigen Jahren wächst international das Interesse an einer sportwissenschaftlichen Begleitung des Handballsports und die Handballgemeinschaft wächst enger zusammen. So werden seit 2011 alle zwei Jahre ein wissenschaftlicher Kongress durch die Europäische Handballföderation (EHF) organisiert, der neueste wissenschaftliche Erkenntnisse im Handball vorstellt und eigene Studien präsentiert. Im Jahr 2016 fand der erste skandinavische Kongress in Handballmedizin in Göteborg während der EM in Schweden statt und in den Jahren 2016 und 2017 folgten die ersten internationalen Handballkongresse in Luxemburg. Eine der treibenden Kräfte für die Intensivierung der Zusammenarbeit ist die European Society of Sports Traumatology, Knee Surgery and Arthroscopy (ESSKA), die viele dieser Kongresse initiiert und Referenten dazu stellt. Mit dieser Unterstützung plant die EHF z. B. eine Initiative, welche die europäischen Handballturniere und Handspiele bei Europameisterschaften und Champions League professionell und prospektiv sportmedizinisch mitbetreut und auswertet, ähnlich den Aktivitäten im Profifußball. Alle Projekte werden in internationalen Journals publiziert und erst kürzlich wurde ein Editorial veröffentlicht (Titel: „ESSKA helps making a change: the example of handball medicine“), das die Errungenschaften der letzten Jahre zusammenfasst und einen Ausblick auf die anstehenden Ziele setzt [4].

Die Erkenntnisse der Handball-Studien wurden teilweise auch in die Praxis umgesetzt. So begannen in den skandinavischen Ländern bereits um die Jahrtausendwende erste große Bemühungen, Trainingsübungen zu entwerfen, welche die Inzidenz der VKB-Verletzungen verringern. Die seither publizierten Präventionsprogramme zeigten bei regelmäßiger Anwendung eine Verringerung der kontaktlosen VKB-Verletzungen um ca. 50 % [1]. In der Folge wurden diese Übungen professioneller vermarktet und versucht, diese in die nationalen Sportligen zu etablieren. So konnte in Norwegen, dem Land der erfolgreichsten europäischen Frauen-Nationalmannschaft, in Folge der Erkenntnisse aus nationalen Studien und der konsequenten Umsetzung der Präventionsempfehlungen trotz Zunahme der physischen Belastung auf die Spieler und der Spielgeschwindigkeit eine deutliche Reduzierung der VKB-Verletzungen in den drei Profi-Frauen-Handballligen (Eliteserien) nachgewiesen werden. Ebenso konnte in einer im Jahr 2017 publizierten Studie gezeigt werden, wie die Inzidenz und Schwere von Überlastungsverletzungen der Schulter verringert werden können [5].

Präventionsübungen im Handball

Nationale Initiativen in der Handballmedizin

In Deutschland gibt es mehrere große Bewegungen, die Sportmedizin und Wissenschaft im Handball zu fördern und weiterzuentwickeln. Durch die VBG wurde seit einigen Jahren begonnen, Sport-Arbeitsunfälle der 1. und 2. Männer-Handball-Bundesliga zu registrieren, analysieren und auszuwerten. Dadurch konnte im Jahr 2016 der erste “VBG-Sportreport” publiziert werden, der zum ersten Mal eine Verletzungshäufigkeit für den deutschen Profi-Männerhandball ausführlich darstellte. Und es konnten erstmals Hinweise auf die tatsächlichen Behandlungskosten publiziert werden, die der Profihandball durch seine entstandenen Verletzungen verursachte. Zusätzlich werden alle Spiele der 1. und 2. Bundesliga durch eine Videoanalyse ausgewertet, um weitere Informationen über die Entstehung und die Risikofaktoren von Verletzungen zu erhalten.

Der Verein der „Deutschen Handball-Ärzte e.V.“ ist des Weiteren zu nennen, wenn es um die Verbesserung der medizinischen Versorgung im Profi-Handball geht. Insbesondere der regelmäßige fachliche Austausch und die Entwicklung von medizinischen Standards für den Handball auf dieser Ebene haben in den letzten Jahren die Handballmedizin im deutschen Profihandball nach vorne gebracht.

Als große prospektive Verletzungsanalyse ist das „Kreuzbandregister im Deutschen Sport“ zu nennen, das im Jahr 2016 am Universitätsklinikum Regensburg gegründet wurde und ein Gemeinschaftsprojekt mit der VBG dargestellt. Dieses deutschlandweite Kreuzbandregister basiert auf einem Register, das im Jahre 2014 für den Fußball gegründet wurde und seit einem Jahr VKB-Rupturen auch im Handball, Basketball und Eishockey analysiert. Im Handball werden seither VKB-Rupturen der 1. und 2. Männer Handball-Bundesliga systematisch analysiert, aber auch VKB-Rupturen aus anderen Spiel- und Altersklassen [6]. In den vergangenen Jahren wurde auch im Amateurhandball damit begonnen, Verletzungen bei Spielern besser zu erforschen und auf dem Boden dieser Ergebnisse bessere Präventionsmaßnahmen und Therapien zu entwickeln. In diesem Rahmen wurden Studien an männlichen und weiblichen Spielern auf verschiedenen Lei-stungsniveaus durchgeführt. So konnte bei jugendlichen Handballspielern in einer prospektiv-randomisierten Studie im Bayerischen Handball gezeigt werden, dass die Inzidenz der schweren Knieverletzungen durch speziell für Jugendspieler entwickelte Präventionsübungen signifikant reduziert werden können [3].

Prävention als Gesamtkonzept im Handball

Es existieren bislang bundesweit keine verbindlichen oder unverbindlichen Empfehlungen für die sportmedizinische Betreuung von Spielern im Amateurhandball. Allerdings setzt sich die Erkenntnis durch, dass Verletzungen durch Handballspielen nicht ausschließlich schicksalshaft, sondern in einem gewissen Grad vermeidbar sind. Die wichtigste Rolle zur Verletzungsprävention nimmt daher bis heute der Handballtrainer ein, da er das Training entwirft und somit einen direkten Einfluss auf die Spieler hat. Diese Rolle sollte nicht nur die Ein- und Durchführung von guten Aufwärmgewohnheiten, die Lehre von korrekten Wurf- und Fintentechniken und optimale Steuerung von Trainings- und Spielbelastungen, sondern auch die regelmäßige Anwendung von Übungen zur Verletzungsprävention beinhalten. Im Falle einer Verletzung sollte Erste-Hilfe richtig angewandt werden können. Darüber hinaus gibt es weitere Möglichkeiten zur sportmedizinischen Betreuung von Handballspielern, die wohl in Zukunft eine größere Rolle spielen werden. Folgendes Konzept kann als Grundlage für Präventionsmaßnahmen in verschiedenen Settings des Handballs gelten:

1. Jährliche Abfrage und Analyse von medizinischen Spielerdaten („Medizinischer Steckbrief“):
•    Frühere und aktuelle Verletzungen
•    Relevante Vorerkrankungen
•    Allergien
•    Impfstatus
•    Medikamenteneinnahme
•    Kontaktdaten für Notfall

2. Vorsorgeuntersuchung zur Sporttauglichkeit:
•    Fachärztliche orthopädische Untersuchung + Fachärztliche internistische Untersuchung
•    Im Profibereich und Juniorenleistungshandball: jährlich
•    Im Amateurbereich: bei Symptomen
•    Über 35 Jahren und regelmäßigem Sport: regelmäßig alle zwei Jahre

3. Kinderkardiologische Vorsorge:
•    Eigen- und Familienanamnese
•    „Risikoprotokoll für den plötzlichen Herztod im Kindesalter“ [7]
•    Auskultation, EKG
•    Empfehlung zur Herz-Ultraschalluntersuchung [7] (Kostenfaktor beachten)
•    Indikation sind zum Eintritt in den Juniorenleistungshandball oder bei Auftreten von Symptomen

4. Handballspezifische Leistungsdiagnostik und Risikoanalyse durch sport- und neuromotorische Tests
•    Zu Saisonbeginn
•    Im Leistungshandball empfohlen, im Amateurhandball möglich
•    Standardisierte Tests wie Drop-Jump, Side-Hop-Test, FMS, sowie andere Tests

5. Aktive Verletzungsprävention mit altersgerechten neuromuskulären Trainingsprogrammen mit regelmäßigen Übungen im Training, Aufwärmen oder als Hausaufgaben Zuhause.

6. Regelmäßige Fortbildungen für Spieler, Trainer und Betreuer zu Themen wie der Prävention, 1. Hilfe und handballmedizinische sportartspezifischen Themen.

Perspektiven der Handballmedizin

Obwohl Studienergebnisse in Norwegen oder anderen Ländern zeigen, wie Verletzungen erfolgreich reduziert werden können, bleibt es trotzdem schwierig, die Präventionsmaßnahmen in den praktischen Alltag nach Deutschland zu übertragen. Der Hauptgrund hierfür scheint ein ausbleibender Transfer von wissenschaftlichen und medizinischen Erkenntnissen an die Handballbasis zu sein. Zusätzlich zeigt sich im Handball, wie in anderen Sportarten, das Phänomen, dass Verletzungen zu häufig als „Pech“ oder „normal“ dargestellt werden. Um diese Informationslücke zu schließen, sollte die Prävention von Verletzungen das Hauptthema der Handballmedizin sein und stärker gefördert werden. Eine höhere Präsenz von handballmedizinischen Themen in der Öffentlichkeit sowie den Vereinen und Verbänden würde es leichter machen, dieses Thema in den Handballalltag integriert zu können. Als wichtigster Schritt sollten präventive Übungen regelmäßig in den Trainingsalltag integriert werden, um die Verletzungsrate zu senken. Ein gutes Beispiel wie dies umgesetzt werden konnte, zeigt sich in Norwegen: der norwegische Handballverband hat eine eigens entwickelte Homepage und App (www.skadefri.no) hervorgebracht, welche die Präventionsübungen online kostenlos zur Verfügung stellt. Auch die VBG bietet den Sportvereinen kostenlos ein Set von Präventionsmaßnahmen an, das dem Bedarf der Sportvereine entspricht (www.vbg.de). Zusätzlich sollten Vorsorgeuntersuchungen vor dem Eintritt in den Leistungshandball verpflichtend für Jugendspieler eingeführt werden, um potenzielle Risiken durch angeborenen oder erworbene Erkrankungen bei sehr stark körperlich belasteten Jugendhandballspielern möglichst früh zu erkennen.
Die Handballverbände können bei der Prävention im Handball eine wichtige Rolle spielen, indem sie die Erkenntnisse der Sportmedizin den Vereinen, Trainern und Spielern in regelmäßigen Fort- und Weiterbildungen zur Verfügung stellen. Ziel ist es, insbesondere praxisorientierte präventive Inhalte in die Trainerausbildung zu integrieren, um allen Interessierten eine Übersicht der Präventionsmöglichkeiten auf Amateur- und Profi-Niveau anzubieten. Ein richtiger und wichtiger Schritt in diese Richtung ist z. B. das erste deutschlandweite Handball-Präventionssymposium, das im Januar 2018 in Hannover von der VBG in Zusammenarbeit mit dem DHB veranstaltet wird und allen Interessierten angeboten wird. Die Forschung in den Bereichen der Handballmedizin und Sporttherapie könnte darüber hinaus weiter intensiviert werden, um mehr über Verletzungen im Handball zu verstehen und auf diesen Erkenntnissen modernere und bessere Therapiekonzepte aufzubauen. Die Forschung sollte des Weiteren die verschiedenen Disziplinen im Handball wie Mannschaftsärzte, Sportphysiotherapeuten, Rehabilitationstrainer, Mannschaftstrainer, Psychologen, und Ernährungsberater stärker in die Projekte mit einbinden und vernetzen, sodass neue wissenschaftliche Erkenntnisse schneller als bisher die Chance besitzen, im Praxisalltag angewendet zu werden.

Fazit

Handballmedizin ist eine wachsende Disziplin, die den Bedarf spürt, die Gesundheit der Handballspieler zu schützen. Sie hat begonnen, sportmedizinische und sportwissenschaftliche Gruppen zu bilden, die das gemeinsame Ziel haben, unmittelbare Ziele für die Betreuung der Spieler zu identifizieren und zu verbessern. Es kann erwartet werden, dass die Handballmedizin in den nächsten Jahren besser organisiert wird und auf ein ähnlich professionelles Niveau ansteigt wie in anderen großen Sportarten.

 

Literatur
[1] Myklebust G, Engebretsen L, Braekken IH, Skjolberg A, Olsen OE, Bahr R (2003) Prevention of anterior cruciate ligament injuries in female team handball players: a prospective intervention study over three seasons. Clin J Sport Med 13(2):71 – 78
[2] Laver L, Myklebust G (2014) Handball injuries: epidemiology and injury characterization. In Doral MN, Karlsson J (ed) Sports injuries: prevention, diagnosis, treatment and rehabilitation. Springer, Berlin, p1–27
[3] Achenbach L, Krutsch V, Weber J, Nerlich M, Luig P, Loose O, Angele P, Krutsch W (2017) Neuromuscular exercises prevent severe knee injury in adolescent team handball players. Knee Surg Sports Traumatol Arthrosc doi:10.1007/s00167-017-4758-5
[4] Seil R, Laver L, Landreau P, Myklebust G, Walden M (2017) ESSKA helps making a change: the example of handball medicine. Knee Surg Sports Traumatol Arthrosc doi: 10.1007/s00167-017-4478-x
[5] Andersson SH, Bahr R, Clarsen B, Myklebust G (2017) Preventing overuse shoulder injuries among throwing athletes: a cluster-randomised controlled trial in 660 elite handball players. Br J Sports Med 51(14):1073-1080
[6] Krutsch W, Zeman F, Zellner J, Pfeifer C, Nerlich M, Angele P (2016) Increase in ACL and PCL injuries after implementation of a new professional football league. Knee Surg Sports Traumatol Arthrosc 24(7):2271 – 2279
[7] Gerling HS, Loose O, Krutsch W Preparticipation screening in elite junior soccer players of the Bavarian Football Association (in submission)

 

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Die Autoren

Dr. med. Leonard Achenbach ist Assistenzarzt an der Klinik und Poliklinik für Unfallchirurgie, Universitätsklinikum Regensburg, FIFA Medical Centre Regensburg. Außerdem ist der ehemalige Leistungshandballer (Ungarn 2. Liga) medizinischer Berater des Bayerischen Handballverbandes.

 

Lior Laver, MD, ist ehemaliger Profihandballspieler (Israel) und arbeitet als Arzt an der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie, University Hospital Coventry and Warwickshire, Coventry, England.

 

Prof. Dr. Romain Seil, MD, PhD, arbeitet an der Klinik für Orthopädie, Centre Hospitalier Luxembourg-Clinique d‘Eich, Luxemburg und ist Präsident der European Society of Sports Traumatology, Knee Surgery and Arthroscopy (ESSKA).

 

PD Dr. med. Werner Krutsch ist Leiter der Sporttraumatologie an der Klinik und Poliklinik für Unfallchirurgie, Universitätsklinikum Regensburg und stellv. Direktor des FIFA Medical Centre Of Excellence Regensburg. Außerdem ist der ehemalige Junioren-Handballer leiten der Verbandsarzt im Bayerischen Fußballverband.

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