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Prehabilitation

Gezieltes Vorbereiten auf die OP mit Sport- und Bewegungstherapie

Foto: © istockphoto.com, KatarzynaBialasiewicz

Nicht erst Warten bis nach der Operation oder Therapie, sondern gezieltes Vorbereiten auf die Operation, das ist das Ziel der Prehabilitation. Prehabilitation als Maßnahme zur weitest möglichen präoperative Optimierung der Körperfunktionen als Voraussetzung zum Erhalt eines „normalen“ Levels der Körperfunktionen während und nach Operationen [1].

Bewegungs- und Sporttherapie sind dafür geeignet und gehören eingebettet in zusätzliche Maßnahmen, die physische und psychische Voraussetzungen für ein möglichst komplikationsloses Überstehen der Operation oder anderer Therapien schaffen und eine möglichst weitgehende Wiederherstellung der physischen und psychischen Funktionen nach Therapie ermöglichen. Durch dossierte gezielte Reize für den Körper können nicht nur Muskulatur und Herzkreislaufsystem aktiviert, sondern auch andere Körperfunktionen angesprochen, so z. B. die Gelenkfunktion und das Immunsystem verbessert werden. Schonung vor der Operation verschlechtert häufig den physischen und psychischen Zustand der Patienten, so dass es nach der Operation deutlich schwieriger wird, die Patienten wieder auf den gewünschten Gesundheitszustand bzw. Funktionszustand zu bringen. Aber auch bereits für die Operation ist es von Vorteil, Patienten zu haben, die mit möglichst gutem Leistungstand in die Operation gehen [2]. Dies kann den Operationserfolg erheblich beeinflussen. Daher soll die Prehabilitation mit speziellen Trainingsprogrammen, die Bewegungsapparat, Herzkreislaufsystem, Lungenfunktion, Stoffwechsel und/oder Immunsystem beeinflussen, Patienten helfen, gestärkt in eine Operation hineinzugehen und sich danach auch schneller wieder zu erholen. Auch bei schwerkranken Patienten ist eine Prehabilitation durch Bewegungs- und Sporttherapie, die angepasst auf den Zustand des Patienten erfolgt, möglich, wie Studien für unterschiedliche Typen von Operationen belegen [3]. Der Fokus bei der Prehabilitation liegt derzeit überwiegend auf der Vorbereitung von operativen Eingriffen, es sollte jedoch gerade im Zusammenhang mit der wachsenden Anwendung der Prehabilitation bei Tumorpatienten auch an eine Erweiterung im Sinne der Vorbereitung auf eine Therapie, z. B. Chemotherapie oder Bestrahlung gedacht werden [4].

Postoperative Probleme beeinflussen

Die Anforderungen an die Prehabilitation durch Bewegungs- und Sporttherapie sind hoch, da angepasst auf den Zustand des Patienten und die bis zur Operation/Therapie verbleibende Zeit ein möglichst effektives Trainingsprogramm, unter Berücksichtigung der Risiken durch die Belastung, durchgeführt werden sollte. Doch es lohnt sich, wenn Operations- bzw. Therapieerfolg positiv beeinflusst werden können und die Körperfunktionen nach Operation besser wieder hergestellt werden können. Prehabilitation ist nicht nur für bestimmte Erkrankungen, sondern kann sowohl im orthopädischen, chirurgischen als auch im internistischen Bereich eingesetzt werden. So können Patienten z.B. vor Gelenkoperationen, Herz-OPs, großen viszeral-chirurgischen Eingriffen und Krebstherapien mit Bewegungs- und Sporttherapie vorbereitet werden. Immer dann, wenn Zeit bleibt bis zum Beginn der Therapie, sollte an Prehabilitation gedacht werden. Dabei dürften vor allem auch Patienten mit erhöhtem Risikoprofil aufgrund eines schlechten körperlichen Fitnesszustand und Ältere profitieren, da gerade in diesen Gruppen gehäuft postoperative Probleme zu verzeichnen sind, die durch Verbesserung der physischen Funktionen und des Leistungszustands beeinflusst werden können [5, 6].

Orthopädisch-chirurgische sowie kardio- und viszeralchirurgische Eingriffe

Die Prehabilitation ist bisher vor allem zur Vorbereitung auf orthopädisch-chirurgische Eingriffe eingesetzt worden. Prehabilitation bei Patienten vor Knie und Hüftgelenkersatz, auf Grund einer Osteoarthrose, kann effizient zur Verbesserung der Funktion des Bewegungsapparates sein. Sie ist insbesondere bei Patienten mit schweren funktionellen Einschränkungen [7] geeignet, auch wenn nicht in allen Studien gezeigt werden konnte, dass es postoperative zu einer direkten Verbesserung der Gelenkbeweglichkeit kommt [8]. Die Bedeutung der Prehabilitation für den Erhalt der Muskulatur und damit auch der Funktion spielt eine wesentliche Rolle, so kann postoperative Muskelatrophie durch präoperatives Muskeltraining reduziert werden. Hier können auch alternative Trainingsmethoden, die die Muskulatur trainieren, wie Elektromyostimulation, eingesetzt werden [9]. Die Prehabilitation hat jedoch auch Bedeutung für die Vorbereitung auf kardio- und viszeralchirurgische Eingriffe, da postoperative Komplikationen und die Krankenhausverweildauer gesenkt werden können [3]. In den letzten Jahren ergeben sich zunehmend Hinweise, dass Prehabilitation bei Krebspatienten eingesetzt werden kann und den präoperativen Abfall der physischen Leistungsfähigkeit reduzieren kann [10]. In der Praxis kann eine solches Prehabilitationstaining z. B. auf einem kardiovaskulären Training basieren. In einer laufenden Studie werden Frauen, die vor einer Beckenbodenoperation stehen über vier Wochen auf einem Ausdauerzirkel bestehend aus zwei Crosswalkern und einem Radergometer bei 75 % VO2peak, 2 – 3 mal pro Woche für 30 Minuten einem Intervalltraining vier Minuten Belastung und eine Minute Pause unterzogen, um so die kardiorespiratorische Fitness zu verbessern.

Individualisierung und gesundheitsökonomisches Potenzial

Die Prehabilitation steht noch am Anfang, doch das Potenzial ist erheblich. Was bisher fehlt sind wissenschaftlich Studien zur Evidenz und den genauen Effekten der Prehabilitation. Gerade das Verständnis bzw. Wissen um die genauen Mechanismen von spezifischen Bewegungs- und Sporttherapien kann helfen, individualisierte Trainingsprogramme für die Patienten zu entwickeln, die den Nutzen der Prehabilitation steigern sollten. Diese Individualisierung der Trainingsprogramme ist umso mehr von Bedeutung, da das Anforderungsprofil bei verschiedenen Krankheitsentitäten stark variiert und von Verbesserung/Erhalt der Gelenkfunktion, der Muskulatur bis hin zu der kardiopulmonaler Funktion, des Immunsystems sowie der Gehirnfunktion reicht. Bisher sind die Studien zur Prehabilitation durch eine hohe Heterogenität der Art der Trainingsintervention, der Trainingsdauer (von wenigen Wochen bis zu mehreren Monaten) und der Trainingshäufigkeit  gekennzeichnet und damit hinsichtlich ihrer Vergleichbarkeit äußerst beschränkt, was erklärt, warum die Ergebnisse der klinischen Studien im Detail, trotz der grundsätzlich positiven Grundtendenz, teilweise voneinander abweichen [11, 12]. Die Prehabilitation lässt nicht nur ein hohen Nutzen für den Patienten erwarten, sondern hat auch ein erhebliches gesundheitsökonomisches Potenzial, der fittere Patient, der schneller und besser sein Körperfunktionen wiedererlangt, kostet das Gesundheitssystem weniger. Unter gesundheits-ökonomischen Blickwinkel könnte Prehabilitation von hohem Interesse sein, da eine schnellere und bessere Wiederherstellung der physischen und psychischen Leistungsfähigkeit nach Operation/Therapie auch Kosten sparen könnte. In einer Randomisiert-kontrollierten-Studie konnte gezeigt werden, dass Prehabilitation in Kombination mit früher Rehabilitation kosteneffektiv ist und konventioneller Rehabilitation überlegen ist [13].

Fazit

Prehabilitation durch Bewegungs- und Sporttherapie kann sowohl Ausdauer- Kraft-, als auch Koordinationstraining beinhalten und abgestimmt auf den Fitnesszustand des Patienten Training unterschiedlicher Intensität und Volumen beinhalten. Es kann von einfachen Training auf dem Radergometer, über Krafttraining mit und ohne Geräte bis hin zu Training im Wasser oder sensomotorischem Training sowie Atemtraining reichen. Darüber hinaus sollte das körperliche Training in weitere Maßnahmen eingebettet sein, um möglichst hohe Effekte zu erreichen. Die Prehabilitation sollte nicht nur auf das körperliche Training reduziert sein, sondern darüber hinaus auf weitere therapeutische Säulen bauen und Ernährungsmanagement und psychologische Behandlung, je nach Anforderung, mit einschließen [4]. Die Prehabilitation steht derzeit eher am Beginn und es braucht vermehrte wissenschaftliche Anstrengungen zur Optimierung der Prehabilitation durch körperliches Training.

 

Die Literaturliste können Sie unter info@thesportgroup.de anfordern.

 

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Der Autor

Prof. Dr. med. Wilhelm Bloch studierte Medizin und Physik an Universität Mainz. Promoviert und habilitiert für das Fach Anatomie und Zellbiologie hat er an der Universität zu Köln. Er arbeitete von 1991 bis 2003 im Institut I für Anatomie der Universität zu Köln bevor er 2004 als Universitätsprofessor für Molekulare und Zelluläre Sportmedizin ans Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin der Deutschen Sporthochschule kam. Er ist auch noch Mitglied der Medizinischen Fakultät der Universität zu Köln. Seit 2011 ist Prof. Bloch Vorsitzender des Wissenschaftsrats der Deutschen Sportmedizin und Vizepräsident für Forschung und Lehre.

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