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Prävention von Muskelverletzungen

Ein motorischer Lösungsansatz

Divock Origi fiel vergangene Saison als einer von vielen Spielern des FC Liverpool mit einer Oberschenkel-Verletzung aus. Für Trainer Jürgen Klopp Grund genug, „Hamstring“ als Unwort des Jahres zu küren: „Hamstring ist das Unwort des Jahres für mich. Es ist immer nur hamstring, hamstring, hamstring. Das liegt an der Intensität der Spiele, dem Spielplan und so weiter“, so Klopp zu englischen Journalisten. (Quelle Kicker)

Muskelverletzungen zählen zu den häufigsten Gründen für Wettkampfabsagen in der Leichtathletik und Trainings- und Spielzeitverlusten bei Leistungsfußballern [1, 2]. Im Hochleistungsfußball treten 90 % aller  Muskelverletzungen ohne gegnerische Einwirkung auf und führen zu einem durchschnittlichen Trainings­ausfall von 18 Tagen [3]. Dieser zur Kategorie der Überlastungsverletzungen zählende Verletzungstyp kann durch adäquate präventive Maßnahmen reduziert werden.

Für die Spieler und Vereine sind die Verletzungen und die damit verbundenen Ausfallzeiten nicht nur mit physischen und psychischen Folgen, sondern häufig auch mit wirtschaftlichen Konsequenzen verbunden. Insbesondere dann, wenn ein Topspieler vor wichtigen Spielen ausfällt. Mittels adäquater Belastungssteuerung und spezifischer Übungsauswahl können diese Verletzungen reduziert werden. Adäquate präventive Maßnahmen zeichnen sich durch die Kriterien Nützlichkeit, Genauigkeit und Durchführbarkeit aus. Z. B. wird ein Screening-Verfahren nur dann als brauchbar wahrgenommen werden, wenn es nützliche Informationen für die Reduzierung von Muskelverletzungen liefert und diese eine angemessene Genauigkeit im Kontext der Durchführbarkeit liefern. Die zu diesem Zweck eingesetzten motorischen Screening-Verfahren wie der Functional Movement Screen (FMS) halten praktischen Kriterien wie der Nützlichkeit und wissenschaft­lichen Gütekriterien wie Reproduzierbarkeit, Genauigkeit und Zuverlässigkeit nur ansatzweise stand [4]. Doch worin liegen konkrete Ursachen hierfür?

Überlastungsverletzungen haben eine koordinative und konditionelle Komponente

Nach wissenschaftlichen Analysen liegen Überlastungsverletzungen wie Muskel- oder Bänder­verletzungen sowohl eine koordinative als auch eine konditionelle Komponente zugrunde. Die koordinative Komponente äußert sich durch eine unzureichende Bewegungskoordination, die zu Fehl- und Überbeanspruchungen führen kann und wiederum Verletzung begünstigt. Eine Häufung von Verletzungen zum Ende einer Halbzeit hingegen ist ein Hinweis auf die konditionelle Komponente (vgl. VBG Sport­report 2016), während die Kombination aus einer unzureichenden Bewegungskoordination und Ermüdung im Kontext von höchsten Beanspruchungen das Risiko für Überlastungsverletzungen erhöht. Demzufolge ist das Belastungsmanagement eine wesentliche Komponente für die erfolgreiche Prävention und langfristige Leistungsentwicklung. Auf motorischer Ebene ergibt sich die Forderung nach zuverlässigen Informationen zum koordinativen und koordinativ-konditionellen Verhalten bei spezifischen Testaufgaben.

Abb. 1: Systematischer Gestaltungsprozess für ein Muskelverletzungspräventionsprogramm.
Häufig eingesetzte motorische Screening-Verfahren wie der FMS liefern nur generelle Informationen zur strukturellen Mobilität bzw. dem motorischen Verhalten der Muskelschlingen bei geringer Belastungsintensität, was auf die Aktivität von kleinen motorischen Einheiten hinweist [4]. Jedoch treten die meisten Verletzungen in schnelligkeitsorientieren Sportarten bei hohen Belastungsintensitäten auf. Dementsprechend ist es nicht verwunderlich, dass der FMS nur ansatzweise die Ziele einer Präventivdiagnostik erfüllt, da die Aufgaben eher augenscheinlichen Kriterien und weniger anforderungsspezifischen und physiologisch fundierten Kriterien gerecht werden. Daher ist für die Entwicklung wirksamer Präventionsprogramme der Ansatz mehr zu spezifizieren und systematisieren. Kennzeichnend für diesen Ansatz ist die Verwendung einer spezifischen Präventionsdiagnostik, einen auf der Diagnostik aufbauenden systematischen Trainingsplanentwurf, der die Ziele Leistungsoptimierung und Verletzungsminimierung berücksichtigt, eine physiologisch fundierte Trainingssteuerung sowie die Evaluation des Präventionsprogramms (Abb. 1). Zudem ist die Evaluation nach den Kriterien Nützlichkeit, Reproduzierbarkeit, Genauigkeit und Durchführbarkeit notwendig, um langfristig professionelle Präventionsprogramme aufzubauen und weiterzuentwickeln.

Spezifische motorische Präventivdiagnostik am Beispiel der Hamstrings

Für eine spezifische Präventivdiagnostik von Muskelverletzungen sind neben generellen Tests auch spezifische Tests notwendig. Die Spezifik der Testaufgabe ergibt sich aus der Analyse der Anforderung bzw. der Verletzungssituation. Beispielsweise treten Hamstring-Verletzungen in der Regel bei hohen exzentrischen Kontraktionsgeschwindigkeit mit kurzen Bodenkontakt­zeiten und hoher mechanischer Belastung des muskuloskelettalen Apparates auf. Die Verletzung scheint beim Übergang vom Late-Swing zum Mid-Stance aufzutreten, da in dieser Phase die exzentrische Belastung auf die Hamstrings bei maximaler Geschwindigkeit das 6- bis 8-fache des Körpergewichts betragen kann [5]. Folglich ist die Koordinationsfähigkeit im schnellen Dehnungsverkürzungszyklus (< 250 ms) von besonderer Bedeutung und wird mit zunehmender Laufgeschwindigkeit immer wichtiger. Auf Ebene der Muskelfasern erhöht ein hoher Anteil schnellzuckender Muskelfasern somit die Verletzungswahrscheinlichkeit, da höhere Kontraktions- und Dehnungsgeschwindigkeiten erreicht werden können. Eine wirksame Präventivdiagnostik ist daher besonders für schnellkräftige Athleten bedeutsam. Eine relevante Untersuchungsmethodik hierfür liefert die Muskelaktivitätsanalyse der Oberschenkelmuskulatur im schnellen bzw. hochintensiven Dehnungsverkürzungszyklus, da hier spezifische Informationen der potenziell gefährdeten Muskulatur bei hoher Intensität erhoben werden. Beispielsweise untersuchte der italienische Sportwissenschaftler Carmelo Bosco Topsportler mit Hamstring-Problemen. Er beobachtete eine unterschiedliche Muskelaktivität des linken Hamstrings im Vergleich zum rechten Hamstring innerhalb der exzentrischen Kontraktion beim Countermovementjump (Abb. 2). In eigenen Untersuchungen bestätigten sich Boscos Erkenntnisse. Beispielsweise zeigte sich bei einem Hürdenläufer mit Hamstring-Beschwerden ein ähnliches koordinatives Defizit (Abb. 3).

Abb. 2: Erhöhte exzentrische Muskel­aktivität des linken Hamstrings innerhalb des Dehnungsver­kürzungszyklus einer Sprinterin mit Hamstring-Problemen beim Countermovement-Jump (adaptiert nach [6]).

Abb. 3: Erhöhte exzentrische Muskelaktivität des linken Hamstrings während des Counter­movement-Jumps bei einem Hürdenläufer mit Beschwerden im linken Hamstring.

Basierenden auf dieser Diagnostik wurde zur Behebung des koordinativen Defizits ein Trainingsprogramm entwickelt. Dieses Trainingsprogramm enthielt folgende Aspekte:

  • Erhöhung der generellen Kraftkomponente
  • Verbesserung der intra- und intermuskulären Koordination, insbesondere bei hoher
    Kontraktions- und Dehnungsgeschwindigkeit
  • Vermeidung von chronischer Überlastung durch physiologische Trainingssteuerung

Die Wirksamkeit des Trainingsprogramms bestätigte sich durch eine deutlich symmetrischere Muskelaktivität der Beuger und Strecker. Außerdem ist die geringere Muskel­aktivität der Hamstrings erkennbar, welche in diesem Fall eine erhöhte Muskelaktivität der Quadrizeps begünstigte und zu einer erhöhten Streckleistung (verbesserte Sprung­höhe) führte (Abb. 4).

Abb. 4: Muskelaktivitätsprofil der Oberschenkel­muskulatur des Hürdenläufers ohne Beschwerden nach der Trainings­intervention. Das Muskelaktivitäts­profil zeigt eine deut­liche symmetrische Muskelaktivität während der exzentrischen Kontraktionsphase des hochintensiven Dehnungszyklus des Countermovement-Jumps.

Fazit

Exemplarisch für Hamstring-Probleme wurde der Einsatz einer motorischen Präventivdiagnostik vorgestellt, die den Bewertungskriterien Nützlichkeit, Genauigkeit und Durchführbarkeit gerecht werden kann. Die vorgestellte Muskelaktivitätsanalyse mit Wearables dauert nicht länger als zehn Minuten und kann daher innerhalb des Trainings durchgeführt bzw. während der Schnellkraft­diagnostik erhoben werden. Zudem besitzt das verwendete motorische Phänomen eine neurophysiologische Basis, das auch bei der Diagnostik anderer Muskelgruppen Anwendungen finden kann.

 

Die Literaturliste erhalten Sie auf Anfrage beim Autor
(kornelius.kraus@unibw.de)
Foto: © pixathlon

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Der Autor

Kornelius Kraus arbeitet als Sportwissenschaftler an der Universität der Bundeswehr München. Hier beschäftigt er sich mit der Entwicklung motorischer Testverfahren und Trainingsstrategien für die Verletzungsprävention und Steigerung der sportlichen Leistungsfähigkeit. Außerdem ist er als Gutachter für ver­schiedene sportwissenschaftliche Journals tätig. Als Diagnostiktrainer und Berater versorgt er Athleten, Trainer, Therapeuten oder Ärzte mit Spezialwissen.

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Die Umsetzung in der Praxis erhöhen

Ein wesentlicher Faktor für die Integration von Neuerungen ist Vertrauen. Vertrauen aufzubauen benötigt Geduld. Geduld in Kombination mit seriösem Auftreten und realen Fakten führen langfristig zu Vertrauen. Wesentlich für den Einsatz von wirksamen Präventionsprogrammen in der Praxis ist die Kompetenz des sportmedizinischen und sportwissenschaftlichen Fachpersonals. Diese lässt sich durch eine systematische, ­wissenschaftlich und praktisch fundierte Schulung erhöhen. Ebenso erscheint ein externes ­Anreizsystem z. B. Auszeichnungen für effektive Verletzungspräven­tion, für Trainer und sportwissenschaftlich bzw. sportmedi­zinische Fachkräfte, insbesondere im Nachwuchsleistungssport sinnvoll.

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