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Im Eisbad vom Titel träumen

Kraft durch Regeneration am Beispiel der deutschen U-20-Frauenfußballnationalmannschaft

„Gewiss habe ich Glück mit den Genen und bemühe mich stets um eine geschickte Zweikampfführung. viel wichtiger ist allerdings eine regelmäßige, durchdachte und passgenau auf mich zugeschnittene Regeneration. Außerdem schlafe ich für mein Leben gerne.“ (Toni Kroos auf die Frage, wie er seine Verletzungsfreiheit erklärt.) Das Zitat zeigt einen nicht zu unterschätzenden Faktor einer gelingenden Regeneration: eine entspannende und kraftspendende Bettruhe. Dies stellte auch gleich das erste große Problem für die U-20-Damen während der FIFA-Fußball-WM im Sommer 2014 in Kanada dar. Sport- und Physiotherapeutin Cathrin Junker stand somit von Anfang an vor einer großen Herausforderung.

Als sich der DFB-Tross zum knapp einmonatigen Turnieraufenthalt ins Flugzeug nach Edmonton setzte, kamen gleich zwei extrem schlafraubende Faktoren zusammen: satte 15 Stunden Flugzeit und obendrauf acht Stunden Zeitverschiebung am Zielort. Jetlag mit allen anstrengenden Symptomen – Einschlaf- und Konzentrationsschwierigkeiten, verringerte mentale und körperliche Leistungsfähigkeit und Verdauungsstörungen. Bis zum ersten Spieltag der Weltmeisterschaft blieb uns kaum Zeit zur Akklimatisierung in Kanada. Mein Ansatz zur Lösung dieses gravierenden Problems war daher, jede noch so kleine Gelegenheit positiv zu nutzen, um unsere Truppe möglichst schnell in die Lage zu versetzen, ihre Leistungsfähigkeit voll ausschöpfen zu können.

Dreiklang aus Trinken, Bewegung und unterstützender Kleidung

Dieses Ziel erreicht man allerdings nicht aus dem Stegreif – die präzise Vorbereitung und individuelle Informationskultur für jede einzelne Spielerin sind hierfür das A und O. Die Idee der bestmöglichen Verwendung von Talent und körperlichen Ressourcen beginnt natürlich nicht erst, wenn das Flugzeug abhebt. Bereits im Vorfeld der Weltmeisterschaft haben wir während des letzten Vorbereitungslehrganges besonders darauf geachtet, alle Spielerinnen umfassend über den Flug, die Zeitverschiebung und präzise Verhaltensregeln während der Reise aufzuklären. Unser Ziel: mit dieser Informationspolitik 18 Feldspielerinnen und drei Torhüterinnen selbstbestimmt für ihren großen Traum fit zu machen. Denn wenn man schon keine Zeit hat, muss man diese wenigstens nutzen. Dieser minutiöse Masterplan startete mit einer ausreichenden und vor allem kohlen hydratarmen Flüssigkeitszufuhr – und zwar schon vor und während der langen Reise. Hinzu kam das Tragen von Kompressionsstrümpfen und -tights sowie etwas frappierend Simples und Alltagstaugliches: möglichst häufiges Aufstehen und das Gehen von ein paar Metern im Flugzeug, um den Blutkreislauf durch die Bewegungen der Muskeln zu unterstützen. Den nicht  zu unterschätzenden Reisestrapazen konnten wir mit diesem Dreiklang aus Trinken, Bewegen und unterstützender Kleidung eine ganze Menge Wind aus den Segeln nehmen.

Unmittelbar nach der Landung in Edmonton und dem Einchecken im dortigen Hotel folgte die nächste durchdachte Maßnahme – ein etwa zwanzig -minütiger und den Bewegungsapparat aktivierender Spaziergang. So etwas wirkt gleichsam nach innen und nach außen. Man kommt als verschworene Gemeinschaft am anderen Ende der Welt an und fasst im Sinne des Wortes Fuß am Ort des Geschehens. Gleich das erste Gruppenspiel gegen die mitfavorisierten US-Amerikanerinnen wurde dann auch prompt und souverän mit 2:0 gewonnen. Endlich also ging das Turnier für die äußerst motivierten Talente richtig los und die zwei Physios nebst Mannschaftsarzt konnten ihrem Berufsmotto Leben einhauchen: „Wichtig ist auch neben dem Platz.“

Regenerative Maßnahmen während des Turniers

Während der nun folgenden fünf Matches auf dem Weg zum Titel entfaltete sich rund um jeden Spieltag ein ganzes Bündel an regenerativen Maßnahmen:

  • Im Anschluss an jede Partie erfolgten ein lockeres Auslaufen und ein etwa viertelstündiges leichtes Stretching.
  • Im Idealfall noch in der Kabine gönnten sich die Spielerinnen ein zehnminütiges Eisbad bei 10 bis 15 Grad Celsius, ideal zur Beschleunigung des Stoffwechsels und zum damit einhergehenden zügigen Abtransport von Gefäßverengungen und -erweiterungen. Es hemmt zudem die Migration von Satellitenzellen bei schmerz- und entzündungshemmender Wirkung und erzeugt durch hydrostatischen Druck eine leichte Kompression.
  • Zum Auffüllen der Energiespeicher nach der Belastung wurden noch im Stadion kohlenhydratreiche Getränke gereicht, was zu einem raschen Ausgleich des Elektrolyt-Haushaltes führte.
  • Während der Busfahrt zurück ins Hotel trugen alle Spielerinnen Kompressionskleidung, diese steigert die Propriozeption, verringert die Muskeloszillation, die Durchblutung in den unteren Extremitäten wird verbessert, der venöse Rückstau wird angeregt und neue Beweglichkeit und ein frisches Körpergefühl stellen sich ein.
  • Zum zeitnahen und proteinreichen Essen im Hotel wurden magnesiumreiche Getränke gereicht, welche die Muskeln weich machen und die Qualität des Schlafes verbessern.
  • Danach erfolgte ein individuell fein austariertes Nachbehandeln von Erschöpfung und  Schmerzen durch Massagen. Dies steigert die Durchblutung, verbessert die Beweglichkeit und den Stoffwechsel, reduziert Verspannungen und lindert Schmerzen. Bemerkenswert ist hierbei auch, dass sich im persönlichen „Runterkommen“ der Spielerinnen nach der Hitze des Gefechtes in dieser Eins-zu-Eins-Cathrin Behandlung durch die Massage ein spürbarer und nachhaltiger psychologischer Wohlfühleffekt einstellt – ein weiterer Regenerationserfolg.
  • Ganz im Sinne von Toni Kroos ging es danach ins Bett. Der Schlaf als eine zentrale Säule der guten Regeneration sollte mindestens acht bis neun Stunden andauern, je nach Spielertyp sogar länger (siehe dazu u.a. Interview mit Dr. Utz Niklas Walter, sportärztezeitung 03/16, S.42 – 45)
  • Der nächste Tag startete mit einem ausgewogenen und leichten Frühstück, gefolgt von zwanzig Minuten lockerem Laufen in Kompressionskleidung, stets im regenerativen Puls- und Herzfrequenzbereich.
  • Im Anschluss daran etwa 40 Minuten Gewebehygiene in individuell passender Herangehensweise – mit Blackrolls und Bällen außerordentlich wertvoll für das gesamte Muskel- und Fasziensystem: Verklebungen werden gelöst, Blockaden gelockert, die Beweglichkeit gesteigert und die Muskeltemperatur wird erhöht, abgerundet durch ein intensives Stretching.

Fazit

Neun intensive, innovative und individuelle Regenerationsmaßnahmen also – die diese junge deutsche Elf dann in Kanada auch auf begeisternde Art und Weise zum Weltmeistertitel trugen. Gerade diese sehr jungen Sportlerinnen stellen das gesamte Betreuerteam und mich jedes Mal vor eine große Herausforderung. Im Spagat zwischen Schule, Ausbildung, Beruf, Privatleben, Training und der Wettkampfsituation haben wir Therapeuten nur eine reelle Chance: durch umfassende Bildung und Information der Spielerinnen sowie eine qualitativ hochwertige, individuelle und kontinuierliche Regeneration zwei elementare Ziele zu erreichen – Verletzungen zu vermeiden und das komplette Leistungspotenzial abzurufen. Und wenn im Eisbad der süße Traum vom Titel geträumt wird, könnte der Kontrast zwar größer nicht sein. Aber genau in diesem Gegensatz von Entspannung und gezielten Reizen liegt das Geheimnis einer erfolgreichen Regeneration. Aus eigener Erfahrung mit der Olympiaschwimmerin Dorothea Brandt und einer nicht ganz unbekannten deutschen Tennisspielerin auf der WTA-Tour kann ich sagen, dass sich die erstaunlich positiven Ergebnisse dieser persönlichen Herangehensweise in Sachen Eins-zu-Eins-Behandlung problemlos auch auf andere Sportarten wie Schwimmen und Tennis auf Weltklasseniveau anwenden lassen.

 

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Die Autorin

Cathrin Junker ist nach ihrer Ausbildung zur medizinischen Masseurin und Physiotherapeutin und den Zusatzqualifikationen als Heilpraktikerin für Physiotherapie, Sportphysiotherapeutin und Athletiktrainerin des DOSB seit acht Jahren als Physiotherapeutin u.a. für die Bobnationalmannschaft, die DFB U-19/U-20-Frauennationalmannschaft und WTA Tennis Tour tätig. Parallel zu dieser vielfältigen und reiseintensiven Tätigkeit mit Spitzenathleten vor Ort machte sie sich vor zwei Jahren mit ihrer Praxis „physioraum“ in Düsseldorf selbstständig.

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