Verwendung von Cookies

Um unsere Webseite für Sie optimal zu gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen zu Cookies erhalten Sie in unserer Datenschutzerklärung

Gezielte Prävention im Fußball

Rehabilitatives und präventives Athletiktraining bei einem Drittligisten

Nach dem Einblick von Prof. Petersen in den Bereich der Prävention von Knieverletzungen und der Initiative STOP X, zeigt Dr. Cornelius Müller-Rensmann nun, wie die Entwicklung eines rehabilitativen und präventiven Athletiktrainings in einem Verein der 3. Fußball-Bundesliga ganz praktisch aussehen kann.

Projekt

Angeregt durch das von der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft neu entwickelte – M-Arzt- Verfahren sollte in der Saison 2015/2016 erstmalig ein gezieltes präventives Athletikprogramm in das Training des Drittligisten SC Preußen Münster integriert werden. Der Sport-Report der Verwaltungs-Berufsgenossenschaften aus dem Jahr 2016 analysiert das Unfallgeschehen in den jeweils beiden höchsten Ligen der Männer im Basketball, Eishockey, Fußball und Handball. Insgesamt zeigt sich für den Fußballsport eine relativ hohe Verletzungsgefahr von 2,35 Verletzungen pro Spieler in einer Saison in der 1. Bundesliga und 2,64 Verletzungen pro Spieler in der 2. Bundesliga. Unter Berücksichtigung von Transfersummen und Gehältern etc. sind verletzte Spieler auch finanziell für Vereine und Berufsgenossenschaften eine erhebliche Belastung. Deshalb liegt die Förderung der Verletzungsprävention im Interesse aller Beteiligten.

Schon ein wöchentlich durchgeführtes und spezifisches Präventionstraining von nur dreißig Minuten Länge reduziert das Risiko von VKB Verletzungen um 70 % (Sportverletzungen, Sportschaden Heft 3/2016 S132 – 135 Gröger und Kadlec Wuppertal). Interessant ist der Tatbestand, dass ein Spieler der 2. Bundesliga offensichtlich ein höheres Risiko hat, eine Verletzung zu erleiden, als ein Spieler der 1. Bundesliga. Dies ist zunächst erstaunlich, da die Spieldichte durch internationale Wettbewerbe für die Spieler der 1. Bundesliga im Regelfall höher ist. Eine mögliche Erklärung, so die VBG, liegt in den evtl. finanziell bedingten nicht optimalen medizinischen und präventiven Möglichkeiten in der 2. Bundesliga. Ebenfalls denkbar ist eine etwas andere Spielweise, die mehr auf kämpferische Elemente ausgerichtet ist als auf Taktik und Technik. Wäre diese Annahme richtig, so müsste man davon ausgehen, dass das Verletzungsrisiko in der 3. Fußballliga noch höher ist. Die finanziellen Mittel sind geringer und die Ausbildung der Spieler ist oftmals nicht so professionell erfolgt, wie in den Nachwuchsleistungszentren der ersten beiden Ligen. Auch ist die 3. Liga ein Sammelbecken für Spieler aus unteren Ligen, welche die 3. Liga als Sprungbrett nutzen und auch für Spieler der 2. Liga, die oftmals längere Zeit verletzt waren oder wegen eben mangelhafter athletischer Fähigkeiten in der 2. Liga nicht Fuß fassen konnten. Gerade diese Spieler bedürfen aber einer intensiven athletischen Ausbildung, um den Anforderungen des modernen Fußballs gerecht zu werden. Dies mit dem gleichzeitig sehr niedrigen Etat in der 3. Liga zu bewerkstelligen, ist eine Herausforderung.

Inhalte des athletischen Trainings

Das athletische Training sollte möglichst umfassend grundlegende motorische Fähigkeiten, die im Fußballsport benötigt werden, schulen. Entsprechend wurden in das Athletiktraining folgende Inhalte implementiert:

  • Kraft
  • Koordination
  • Flexibilität und Beweglichkeit

Abb. 1: Stabilisation
Abb. 2: Mini bands
Das Krafttraining beinhaltet Übungen sowohl zur Verbesserung der Maximalkraft, als auch der Schnellkraft sowie Übungen aus dem Core Training (Abb. 1) als wichtiger präventiver Faktor der Rumpfstabilität. Unterschiedliche Trainingsformen mit Hilfsmitteln wie Langhanteln, Kettelballs, mini-bands (Abb. 2), stroops accelerator, Plyo-Boxen (Abb. 3), aber auch das Gerätetraining werden genutzt. Insbesondere in der Saisonvorbereitung hat das Maximalkrafttraining einen besonderen Stellenwert. Gute evaluierte Inhalte bieten das Präventionsprogramm der VBG und das FIFA 11 + Programm. Ein Schlingensystem, in diesem Falle das „redcord“ System, wurde angeschafft, um das Ansprechen der tiefen stabilisierenden Muskelgruppen sowie die neuromuskuläre Ansteuerung der Muskelketten zu verbessern (Abb. 4).

Abb. 3: Plyometrie Nutzung DVZ für Reaktivkraft und Prävention
Die Schulung der Koordination erfolgt einerseits fußballspezifisch im Rahmen des täglichen Trainings unter Zuhilfenahme z. B. der Koordinationsleiter, Hürden sowie mit Hilfe von Hütchen und Stäben. Aber natürlich auch im Rahmen von Kraft und Koordination schulenden Übungen im Sinne von Stabilitätsübungen auf instabilem Untergrund, auf schrägen Ebenen etc.. Die Verbesserung von Flexibilität und Beweglichkeit erfolgt u.a. mit movement preps (Abb. 5), die insbesondere die im Fußballsport zur Verkürzung neigenden Muskelketten berücksichtigt. Zwar ist das reine Dehnungstraining in seiner Wirksamkeit viel diskutiert und nicht unumstritten, dennoch sind komplexe mobilisierende Übungen zur Verbesserung der Beweglichkeit im Lendenbecken Hüftbereich verletzungspräventiv wirksam.

Organisationsstruktur

In der praktischen Umsetzung beim SC Preußen Münster wurde eine Teilung des athletischen Trainings in das rehabilitative Training und das präventive, leistungsoptimierende Athletiktraining durchgeführt. Die personellen Voraussetzungen wurden durch einen im Athletiktraining geschulten Physiotherapeuten und einen Athletiktrainer, der in der Sportwissenschaft ausgebildet wurde, geschaffen. Durch diese Arbeitsteilung werden verletzte Spieler durch die unterschiedlichen Rehaphasen bis zum Zeitpunkt des „return to play“ geführt. Für die verletzten Spieler ist ein sehr individualisiertes Athletiktraining notwendig. Dies kann der Physiotherapeut, der den Patienten behandelt hat, in Kenntnis der noch vorhandenen funktionellen Defizite am besten steuern. Mit dem Wiedererlangen der Trainingsfähigkeit kann aber nicht in allen Fällen das individuelle Rehabilitationstraining verlassen werden. Dann ist ein eingehender Austausch zwischen Physiotherapeuten und Athletiktrainer erforderlich, damit ein individuelles Athletiktraining bis zum Zeitpunkt des „return to competition“ erfolgt. Zu diesem Zeitpunkt sollte der Spieler wieder alle Anforderungen im Mannschaftstraining zu 100 % erfüllen können.

Abb. 4: Training mit redcord

Periodisierung des Athletiktrainings

Um eine Überforderung der einzelnen Spieler zu vermeiden, wird das Athletiktraining immer unter Rücksprache mit dem Cheftrainer in den Trainingsplan integriert. Im Allgemeinen wird in der Saisonvorbereitung mit relativ hohen Umfängen gearbeitet, die während des Spielbetriebes so nicht eingehalten werden können. Ein tägliches Kraft, Stabilisation- und Koordinationstraining zu Beginn der Vorbereitung weicht dann später einem zwei bis drei Mal wöchentlich durchgeführten Athletiktraining. Kraftzirkel nach fester Abfolge und individueller Dokumentation der erreichten Wiederholungszahlen und Gewichtsbelastungen haben sich bewährt. Inzwischen gilt es als nachgewiesen, dass das Krafttraining auch die Ausdauer- Leistungsfähigkeit fördert (Moritz Schuhmann ATK 2016). Diesbezügliche Bedenken sind wohl aus sportwissenschaftlicher Sicht antiquiert.

Probleme

Abb. 5: Mobilitätsverbesserung
Leider gibt es bei der Umsetzung neuer Projekte in einem Sportverein diverse Probleme, die nicht verschwiegen werden sollen. Zunächst darf alles Neue in einem Verein mit engem Budget kein Geld kosten. Die Anschaffung von Trainingsmaterialien ist mit überschaubaren Kosten verbunden. Bei sinnvollen Präventivmaßnahmen beteiligt sich die Verwaltungsberufsgenossenschaft und auch die Industrie ist oft gesprächsbereit. Mit hohen Kosten ist die Schaffung personeller Ausstattung verbunden. Hier muss Überzeugungsarbeit geleistet werden. Auch kann nicht jeder Cheftrainer sofort die möglichen Chancen und den Sinn athletisch präventiver Trainingsinhalte positiv bewerten. Gibt es durch die Implementierung des Präventionstrainings doch eine zunehmende Komplexität der Trainingsplanung. Ein intensives Maximalkrafttraining oder eine Schnell- und Explosivkraft schulende Trainingseinheit muss sehr bedacht in den Zeitplan eingebunden werden. Das Stichwort Periodisierung wird zu einem wichtigen Thema. Man hat den Eindruck, dass bezüglich der idealen Terminierung dieser Inhalte noch Forschungsbedarf besteht. Ein reger Austausch von Trainern und Physiotherapeuten erscheint hier wichtig, um „Overuse-Phänomene“ zu vermeiden. In der Vergangenheit wurden inhaltlich gute Ansätze wegen falscher Terminierung schon verdammt. So wurden gut evaluierte Übungen wie die „Nordic Harmstring exercises“ sogar für vermehrt eintretende Muskelverletzungen verantwortlich gemacht.

Schwierigkeiten kann es auch an der Schnittstelle zwischen dem rehabilitativen und dem präventiven und leistungsorientierten Athletiktraining geben. Hier ist das intensive Gespräch zwischen Physiotherapeuten und dem Athletiktrainer erforderlich. Erschwerend wirkt die teilweise sehr unterschiedliche Ausbildung zum Athletiktrainer. Hier sind Ansätze aus der Physiotherapie und der Sportwissenschaft teilweise unterschiedlich. Ein guter Austausch auf der Basis von trainingswissenschaftlichen Grundsätzen ist erforderlich. Ein weiteres Problem ist die Individualisierung des Trainings. Durch die von der VBG empfohlene Präventionsuntersuchung haben wir heute deutlich mehr individuelle Leistungsparameter. Diese werden zur individuellen Planung des Präventionstrainings genutzt. Die Durchführung des individuellen Planes liegt auch in der Eigenverantwortung des jeweiligen Athleten. Diese ist unterschiedlich ausgeprägt. Hierbei hilft eine detaillierte Erklärung über den präventiven Sinn und die Verbesserung der Leistungsfähigkeit durch das Training.

Fazit

Verstehen verbessert die Motivation. Messbare Effekte in Form geringerer Verletzungszahlen wären überzeugend. Man kann gespannt sein auf die zukünftigen Verletzungsstatistiken.


Anmerkung der Redaktion
Der Text behandelt ausschließlich Erfahrungen des Autors mit den vorgestellten Methoden und stellt ein Beispiel für die Umsetzung unterschiedlicher Präventionsmaßnahmen bei einem Fußball-Drittligisten dar.

 

Zurück

Die Autoren

Dr. med. Cornelius Müller-Rensmann ist Facharzt für Orthopädie und Inhaber einer orthopädischen Praxis mit Schwerpunkt Sport-Orthopädie in Münster. Außerdem ist er Vereinsarzt des SC Preußen Münster.

Christian Krabbe ist Physiotherapeut beim SC Preußen Münster.

Matthias Haase ist Physiotherapeut beim SC Preußen Münster. Außerdem ist er Inhaber der Praxen Haase und Witte und Stellwerk in Münster.

Print + Download

Zurück