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Ganzheitliches Coachingkonzept

Verletzungsprävention im Eishockey – der Athletiktrainer als integraler Bestandteil

In einer derart schnellen und dynamischen Spielsportart wie Eishockey treten insbesondere Kopf, Knie und Oberschenkelverletzungen besonders häufig auf (vgl. VBG Sportreport 2016, S.35). Bei ca. 85 – 90 % sogenannter Kontaktver­letzungen lässt sich erahnen, welche Kräfte auf die Spieler einwirken.

Auch mit der besten Verletzungsprävention der Welt werden sich in einer harten Kontaktsportart nicht alle Verletzungen vermeiden lassen. Dennoch sollte auch jede Kontaktverletzung im Kontext einer beispielsweise zu hohen neuromuskulären Ermüdung hinterfragt werden. Wissenschaftlich betrachtet sind Verletzungen ein sehr komplexes Zusammenspiel aus vielen Faktoren. Entscheidend für eine erfolgreiche Verletzungsprävention ist eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit aller beteiligten Akteure (Cheftrainer – Ärzte – Physiotherapeuten – Athletiktrainer). Im Kontext einer gehäuften Verletzungsinzidenz sind individuelle Schuldzuweisungen keine zielführende Lösung, da ein gemeinschaftlicher – konstruktiver Lernprozess der Verletzungsätiologie ausbleibt. Der interdisziplinäre Ansatz schafft die Möglichkeit, Verletzungen sehr vielschichtig zu betrachten und daraus die richtigen Schlussfolgerungen für die Zukunft zu treffen (vgl. z. B. Return-to-play Protokoll der VBG).

Die Rolle des Athletiktrainers – zentrales Kommunikationsmedium und Bindeglied

Vor gut zwei Jahren haben die geschäftsführenden Gesellschafter der Augsburger Panther (Lothar Sigl als Hauptgesellschafter) eine richtungsweisende Entscheidung getroffen, indem sie die Rolle des Athletiktrainers (Sven Herzog) nicht nur geschaffen, sondern diese auch mit entsprechendem Handlungsspielraum ausgestattet haben. Schon seit der Saison 2007/2008 war ich als externer Athletiktrainer (im Rahmen einer Firmenkooperation) für die Augsburger Panther tätig. In Augsburg wird die Rolle des  Athletiktrainers als zentrales Kommunikationsmedium und Bindeglied zwischen dem Cheftrainer, den medizinischen Verantwortlichen (Ärzte und Physiotherapeuten) und dem sonstigen Coaching Team interpretiert (Ernährungsberater/Mentalcoach). Der Arbeitsplatz des Athletiktrainers befindet sich im gleichen Büro wie der des Cheftrainers Mike Stewart (siehe Abb. 1). Das bedeutet, dass die Kommunikationswege sehr kurz und effektiv sind.

Abb. 1: Enge Zusammenarbeit im gleichen Büro: Cheftrainer Mike Stewart und Athletiktrainer Sven Herzog. Foto: © Siegfried Kerpf
Abb. 2: Augsburg Panther Kapitän Steffen Tölzer beim Y-Balance Test. Foto: © Siegfried Kerpf

Die Säulen der Verletzungsprävention

Der Head Coach
Der Athletiktrainer kann die genialsten Trainings- und Diagnostiktools besitzen und dennoch wird er nur bedingt Erfolg haben, wenn die enge Vernetzung mit dem Cheftrainer nicht gegeben ist. Belastungssteuerung und somit auch Verletzungsprävention muss auch als Verantwortung des Head Coaches verstanden werden. In diesem Fall sollten Feedback Tools (wie z. B. Biofeedback, on Ice Tracking und RPE) dem Trainer helfen, die Belastung über den Wochen- und  Saisonverlauf sinnvoll zu gestalten.

Präventivdiagnostik (aus Athletiktrainersicht)
Um Verletzungen mittel- und langfristig vorzubeugen, ist es elementar, präventivdiagnostisch gut zu arbeiten. Dazu zählt eine ausführliche Anamnese hinsichtlich früherer Verletzungen und den daraus resultierenden Dispositionen. Ferner können hier bewegungsanalytische Test wie z. B. der Functional Movement Screen(http://www.functionalmovement.com/­articles/Research/649/the_relationship_between_the_fms_and_injury_risk) und der Y-Balance Test (http://www.scienceforsport.com/y-balance-test/) (Abb. 2), als auch eine differenzierte Sprungtestanalyse sehr aufschlussreich sein. Es ist jedoch hierbei entscheidend, dass auch im Anschluss die richtigen Maßnahmen und Trainingsformen eingeleitet werden (z. B. Bildung von Fokusgruppen/Weiterleitung zum Arzt bei Schmerzen / das Weglassen von gewissen Übungen). Zur Präventivdiagnostik zählt bei uns auch die Bioimpendanzmessung (BIA-Messung), die unser Ernährungscoach Harry Swatosch durchführt. Hier können frühzeitig katabole Tendenzen im Kontext des Phasenwinkels auf zellulärer Ebene erfasst werden (vgl. Tomczak 2003, S.34 – 40).

Neben den bewährten Tools nutzen die Augsburger Panther seit dieser Saison zusätzlich testweise mit Unterstützung der Firma Kinexon ein On-Ice Tracking Tool. Durch die Erfassung kinematischer Daten bekommt das Augsburger Trainerteam einen differenzierten Einblick hinsichtlich der Belastung gewisser hockeyspezifischen Übungsformen auf dem Eis. Wissenschaftliche Untersuchungen müssen jedoch noch zeigen, ob und in welchem Maße Tracking Tools im Sinne einer Präventivdiagnostik hilfreich sein können

Ermüdungsmanagement und individuelle Belastungssteuerung
Vor dem Hintergrund, dass im Eishockey 2 – 3 Spiele pro Woche stattfinden (inkl. mind. einer langen Busfahrt) zählt das Ermüdungsmanagement insbesondere mit dem Fortschreiten der Saison zu einem spielentscheidenden Faktor. Ermüdung hat viele Facetten und äußerst sich in verschiedenen Systemen des Körpers: a) dem muskulären System; b) dem zentralen Nervensystem; c) dem hormonellen System (vgl. Keferstein et al. 2015; S.56 – 85). Um eine drohende katabole Tendenz möglichst früh zu erkennen, lohnt sich zudem ein täglicher Blick ins zentrale Nervensystem. Wir arbeiten mit einem Biofeedback Tool (Ithlete Team App). Jeder Spieler muss täglich nach dem Aufstehen seine Herzfrequenzvariabilität (HRV) und seinen Ruhepuls messen, was dem Coaching Team ca. 1 – 1,5 Stunden vor Trainingsbeginn die Möglichkeit gibt, zu schauen, wie viel der jeweilige Spieler heute auf dem „Konto“ hat. Nach Rücksprache mit den „auffälligen“ Spielern treffen die Trainer die Entscheidung, für wen heute welche Trainingsform (on-Ice oder nur off-Ice Training) oder gegebenenfalls Therapieform im Vordergrund stehen sollte. Zeigt ein Spieler über mehrere Tage eine signifikant abnehmende Variabilität, greift der interdisziplinäre Ansatz. Warum ist beispielsweise bei einem Athleten der Sympathikus derart dominant? Kann er gegebenenfalls schwer entspannen oder hat er Schlafprobleme? Dies wäre ein Fall für den Mental Coach Ulfried Wallisch. Hat der Spieler ernährungsbedingt ein Energiedefizit? Dann kommt Ernährungsberater Harry Swatosch ins Spiel. Existiert  ein noch nicht erkanntes medizinisches Problem, wie beispielsweise eine BWS Blockade oder Hüftschmerzen? Das ist der Job des Ärzteteams aus der Arthroklinik (Dr. Otto & Dr. Bogner) bzw. des Physioteams „Pro Aktiv Gersthofen“ (Robert Paclik). Am Ende des Tages ist jedoch der Athletiktrainer derjenige, der das gesamte Ermüdungsmanagement leitet und steuert.

Status quo Athletiktrainer im Eishockey, Ausblick und Fazit

Die Wichtigkeit und Notwendigkeit des Athletiktrainings im Eishockey wird in der Wahrnehmung der Cheftrainer vereinsübergreifend sicher sehr hoch angesiedelt. Dennoch kann man die Anzahl der fest installierten Athletiktrainer in der Deutschen Eishockeyliga (DEL) noch an einer Hand abzählen. Die meisten Clubs decken das Athletiktraining entweder über den Co-Trainer, eine Kooperation mit einem medizinischen Zentrum/Fitnessclub, oder einen Honorarathletiktrainer stundenweise ab. Im Kontext einer weiteren Professionalisierung der Sportart ist eine Investition in diesem Bereich nur noch eine Frage der Zeit, bis die Mehrheit der Clubs einen hauptamtlichen Athletiktrainer haben wird. Aus Sicht der Clubführungen gilt es jedoch zu berücksichtigen, dass dieser Schritt mittel- und langfristig zu sehen sein sollte. Ohne Einbindung und Verankerung des Athletiktrainers in ein ganzheitliches Coaching Konzept sind der Einfluss und der Wirkungsgrad sehr limitiert und nur bedingt zielführend. Aus meiner Sicht sollte jeder Club für sich eine klare Identität entwickeln, in denen sich alle handelnden Coaches auch wiederfinden. Mit Blick auf die zunehmende Dynamik des Sports, bei gleichzeitiger Steigerung der Belastungsparameter, wird das Ath­letiktraining und somit auch die Position des Athletiktrainers sicher in Zukunft eine noch größere Rolle im Eishockey spielen werden.

 

Eine Literaturliste können Sie unter info@thesportgroup.de anfordern.

 

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Der Autor

Sven Herzog studierte Sport/- und Erziehungswissenschaften sowie ­Psychologie im Nebenfach und absolvierte einen Diplomabschluss in Sport- und Gesundheitspädagogik.Im Rahmen einer Athletiktrainerausbildung in Kanada sammelte er internationale hockeyspezifische Coaching Erfahrung während eines NHL Mentorships in Burlington/Toronto. Er ist spezialisiert auf die Bereiche: Funktionelles Krafttraining - Leistungsdiagnostik – Bewegungsanalyse – Coaching. Seit der Saison 2007/2008 ist Sven Herzog als Athletiktrainer der Augsburger Panther tätig (seit 2015 in Vollzeit).

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