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Ganzheitliche Regeneration

Nicht nur für Sportler von Bedeutung

Dass die Trainer im deutschen Profifußball hohen Belastungen ausgesetzt sind, zeigt auch das aktuelle Beispiel von Jeff Strasser. Beim Zweitligaspiel gegen den SV Darmstadt 98 musste der Trainer des 1. FC Kaiserslautern wegen Herzrhythmusstörungen (in Zusammenhang mit einer verschleppten Grippe) in der Halbzeit behandelt werden. Das Spiel wurde abgesagt, Jeff Strasser hat eine ärztliche Ruhepause von mehreren Wochen verordnet bekommen. Der BDFL fordert in einer aktuellen Pressemeldung, dass sich die Bundesliga-Vereine um die Gesundheit ihrer Trainer kümmern sollen. „Es ist die Fürsorgepflicht der Clubs, nicht nur bei den Spielern auf diese Dinge zu achten, sondern auch bei den Trainern“, so BDFL-Präsident Lutz Hangartner. „Man müsste eigentlich jeden einzelnen Verein fragen, ob er die Untersuchungen, die bei Profis permanent durchgeführt werden, auch bei den Trainern macht.“ (Zitat Quelle: www.bdfl.de)

Bei dem Thema Regeneration spricht man immer über den Stand der Spieler. Was wird bei ihnen gemacht, wie werden Regenerationsmaßnahmen eingesetzt und welche Erfolge können erzielt werden. Die Rolle und Bedeutung des Trainers wird dabei oft übersehen. Bedenkt man, dass die Belastung eines Trainers, z. B. in der Fußball-Bundesliga oft sogar höher ist, als die der Spieler, macht es Sinn, sich das Thema Regeneration aus der Sicht eines Trainers anzuschauen. Wir sprachen dafür mit Sandro Schwarz, Trainer des Fußball­Bundesligisten 1. FSV Mainz 05 und Daniel Schloesser, Physiotherapeut und aktuell Rennbetreuer von Nikita Mazepin (Formel 3), ehemals Nico Rosberg (Formel 1).

Der Zeitpunkt unseres Gespräches mit Sandro Schwarz war für unsere Thematik gut gewählt, für den Trainer des 1. FSV Mainz 05 allerdings nicht einfach. Das Team hatte gerade erst 1:3 gegen den FC Augsburg verloren, befand sich auf Platz 14 in der Bundesliga und hatte mit RB Leipzig und Borussia Dortmund zwei absolute Schwergewichte als nächste Gegner vor der Brust. Dazu war auch das DFB-Pokal-Achtelfinale gegen den VfB Stuttgart nicht mehr weit entfernt. Eine Situation, die extreme Anspannung verspricht und von den Spielern aber auch von dem Trainer sehr viel abverlangt. Wie geht man damit um und was kann man tun, um zum einen abzuschalten, zum anderen sich aber auch fokussiert solchen Situationen zu stellen?

Schlafen, Entspannen und Familie

Trotz aller Anspannung treffen wir einen Sandro Schwarz, dem man anmerkt, dass er auch mit schwierigen Situationen umgehen kann. „Natürlich gibt es ein paar Dinge, die ich mache, um auch in stressigen Zeiten Kraft zu schöpfen. So nehme ich mir zwischen den Trainingseinheiten oft 30 Minuten Zeit, um mit frequenzmodulierten Musikprogrammen über einen Kopfhörer (Schallpause) zu regenerieren. Diese kurzen Pausen tun mir sehr gut“, so Schwarz. Nach den Spielen ist es allerdings eher ergebnisabhängig, doch selbst nach Siegen fällt es dem 39-jährigen schwer, komplett abzuschalten. „Man analysiert nochmal das Spiel, auch wenn man eigentlich schlafen sollte, macht sich schon Gedanken für den nächsten Gegner und die nächste Woche. Das Runterkommen findet dann eigentlich erst am Montagabend im Kreis der Familie statt, wenn die Gespräche sich nicht um den Fußball drehen, sondern ganz alltägliche Dinge besprochen werden. Dazu muss am Sonntagabend aber alles vom Spieltag abgearbeitet sein, es darf nichts hängen bleiben.“ Die Familie spielt im Leben von Sandro Schwarz eine ganz besondere Rolle. Als Vater von zwei kleinen Kindern sind ebendiese Teil seiner Regeneration, wenn er unter der Woche beim Ins-Bett-Bringen seiner Kinder selbst einschläft und früh ins Bett geht. Ganz allgemein legt Sandro Schwarz großen Wert auf viel Schlaf und vor allem guten Schlaf, auch wenn das nach Spielen manchmal gar nicht so einfach ist.

Masiar Sabok Sir im Gespräch mit Sandro Schwarz, Trainer des 1. FSV Mainz 05
Im BDFL-Journal resümiert Prof. Dr. Michael Kellmann von der Ruhr-Universität Bochum: „Grundsätzlich ist es nicht schlimm, hoch beansprucht zu sein, solange eine Person weiß, wie sie sich wieder erholen kann“. Den richtigen Weg zu finden, ist allerdings gerade für Trainer, die ständig im Rampenlicht stehen und sich auch medial immer verteidigen müssen, nicht einfach. „In unserem Job braucht man einen vollen Akku für den nächsten Tag. Ohne regenerative Maßnahmen wird es physisch aber auch psychisch schwierig“, beschreibt Schwarz den Alltag als Bundesliga-Trainer. „Ein besonderes Ritual ist bei mir z.B. auch, am Montag mit meiner Frau und den Kindern in die Stadt zu gehen und die Zeit zu genießen“, so Schwarz weiter. Neben Schlaf, einer gesunden Ernährung, um die sich glücklicherweise seine Frau kümmert, dem positiven familiären Umfeld, das ihm auch in stressigen Phasen Kraft und Halt gibt, und der Entspannung durch Musik, versucht Sandro Schwarz auch regelmäßig, Sauna und Therme aufzusuchen, wenn es die Zeit zulässt. Am Spieltag, bevor die Anspannung dann wieder auf ein Maximum steigt, geht Sandro Schwarz 20 – 30 Minuten joggen – auch das eine Form der Regeneration.

Kurz vor Weihnachten feierte das Team dann mit einem 3:1 Erfolg gegen den VfB Stuttgart den Einzug ins DFB-Pokal-Viertelfinale. Wieder konnten sie einen Rückstand aufholen, wie schon zuvor gegen Leipzig und Bremen – auch das ein Zeichen mentaler Stärke und guter Regeneration.

Eindrücke aus dem Motorsport

Masiar Sabok Sir im Gespräch mit Sandro Schwarz, Trainer des 1. FSV Mainz 05.
Ähnliche Erfahrungen machte auch Daniel Schloesser in den letzten Jahren. Der Diplom­Sportwissenschaftler und staatlich geprüfter Physiotherapeut betreute von 2010 bis 2017 Nico Rosberg bei der Formel 1 und feierte mit seinem Schützling den Sieg bei der Formel 1 WM 2016. Aktuell ist er Trainer, Physiotherapeut und Rennbetreuer von Nikita Mazepin in der Formel 3. Die psychischen und physischen Belastungen im Motorsport sind enorm, eine individualisierte oder gar personalisierte Regeneration absolut notwendig. Gerade im Bereich der mentalen Frische kann man hier, laut Schloesser, extrem gute Ergebnisse erzielen, so dass z. B. am Tag des Qualifyings unbedingt vermieden werden muss, dass der Fahrer noch müde von einer Trainingseinheit ist. Schon zu seiner Zeit mit Nico Rosberg beschäftigte er sich intensiv mit dem Thema Regeneration. „Da ich Nico auf den Flügen, vielen PR-Veranstaltungen und natürlich auch allen Trainingseinheiten begleitet habe und somit zumindest physisch fast dasselbe Programm abgespult habe wie er, konnte ich meist einigermaßen nachempfinden, wie seine körperliche Verfassung war. Nach den langen Überseeflügen und Zeitverschiebungen kamen oft auch noch Schlafprobleme hinzu. Spätestens wenn ich mich selbst mental ausgelaugt gefühlt habe, sollte ich das als Warnsignal nehmen, mich in Nicos Situation zu versetzen“, so Schloesser. Für ihn ist klar, dass man an solchen Tagen den Sportler nicht mit einer intensiven Trainingseinheit pushen darf, sondern z. B. einen entspannten regenerativen Lauf absolviert. Dem Bereich Schlaf misst Daniel Schloesser eine besondere Bedeutung zu, gerade im Motorsport: „Zu den Zeiten, an denen wir sehr viel Überseerennen mit langen Flügen und Zeitverschiebungen haben, versuche ich die Flüge so zu legen, dass sie ungefähr zu meinen normalen Schlafzeiten stattfinden. Die Schlaf- und Wachzeit versuchen wir, z. B. bei Flügen nach Asien oder Amerika, langsam und schon in Europa an die neue Zeitzone anzupassen.“ 

Akkus auffüllen und eigenes Mobility-Programm

Ist die lange Saison vorbei, müssen sowohl Sportler als auch Trainer und Betreuer ihren Weg finden, die eigenen Akkus wieder aufzufüllen. Einfach einmal abschalten, Zeit für sich haben und neue Energie tanken. Leichter gesagt, als getan, auch hier muss individuell geschaut werden, was einer Person dabei hilft. Für Daniel Schloesser war es im letzten Jahr z.B. eine zweiwöchige Wanderung auf dem Jakobsweg. Zwei Wochen selbst auferlegtes Handyverbot, Übernachten in 5-Euro-Herbergen und jeden Tag acht Stunden Wandern in der Natur. Die Tatsache, dass er sich in dieser Zeit mit sich selbst beschäftigen musste, ganz ohne Ablenkungen der modernen Zeit, wieder einfache Dinge zu schätzen lernte und „im Moment leben konnte“, machten den Trip für ihn zu einer tollen Erfahrung, wenn auch physisch anstrengender als erwartet. Regeneration als Prozess, als individueller Weg, den man für sich finden muss und an dem man immer wieder arbeiten muss. Eine gute eigene körperliche Fitness ist für Daniel Schloesser ganz allgemein extrem wichtig und kann die regenerativen Maßnahmen unterstützen. „Mein Job unterscheidet sich z. B. vom Job eines Fußball-Athletiktrainers dadurch, dass ich eine 1:1 Betreuung liefere, ich mache fast jedes Training gemeinsam mit meinem Rennfahrer. Das heisst, wir gehen zusammen drei Stunden Fahrrad fahren oder laufen und danach zusammen ins Fitnessstudio, wo ich auch oft mittrainiere. Dadurch, dass ich aber auch die Physiotherapie und Massage mit meinem Rennfahrer mache, geht meine Arbeit nach dem Training noch weiter. Und eine Stunde Massage oder Physio können dann auch einmal anstrengend für mich sein, während mein Sportler sich bereits in der Regeneration befindet. Um dem gewachsen zu sein, sollte ich also mindestens so fit sein wie mein Sportler, um das gemeinsame Programm durchzuhalten“, so Schloesser. Um dies zu erreichen schläft er mindestens acht Stunden pro Nacht, achtet auf eine gesunde Ernährung mit viel Gemüse und ausreichend Eiweiß und absolviert regelmäßig sein eigenes Mobility Programm, eine Kombination aus Yoga und Pilates Übungen.

Masiar Sabok Sir

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Regeneration hört nie auf – auch nicht in der sportärztezeitung. Lesen Sie auf den nächsten Seiten weitere Themen dazu und auch in der nächsten Ausgabe interessante Inhalte zur Regeneration, u.a. mit Themen zu Hydrotherapie und Kältetherapie. Außerdem wird Prof. Dr. Elmar Wienecke über „die Schilddrüse, der Regulator für eine optimale mentale und psychisch/physische Leistungsfähigkeit bei Spitzensportlern“ berichten. Evidenzbasierte retrospektive Studien an 789 Spitzensportlern zeigen den Einfluss der Schilddrüsenhormone auf die vielfältigen Parameter des vegetativen Nervensystems.

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