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VKB im Profihandball

Verletzung aus Sicht des Bundesligaspielers und des Mannschaftsarztes

Am 18.08.2015 passierte es, kurz vor Beginn der Handballsaison. Trotz optimaler Vorbereitungsphase mit vielen Trainings­einheiten, Athletiktraining und auch Training zur Prävention von vorderen Kreuzbandverletzungen kam es für den halbrechten Rückraumspieler und Links­händer der MT-Melsungen, Malte Matthias Schröder zu einem für ihn schwerwiegenden Unfall.

Nach einem Sprungwurf, bei dem Malte Matthias Schröder noch leicht von einem Gegenspieler touchiert wurde, kam er falsch auf und sein Knie knickte in typischer Innenrotations­/X-Beinposition um. Er verspürte einen starken Schmerz und ein Knacken im Kniegelenk, das Knie schwoll sofort an. Als erfahrener Sportler wusste er gleich, dass es sich um eine schwere Verletzung handeln musste. Es erfolgte die sofortige Kompressionsbehandlung, Kühlung, Ruhigstellung und Lymphdrainagenbehandlung. Bereits die kurz nach dem Unfall durchgeführte klinische Untersuchung zeigte einen zweifach positiven Lachmanntest ohne Anschlag mit positivem Pivot-Shift-Phänomen und eine endgradige Bewegungseinschränkung des linken Kniegelenkes. Zudem zeigten sich die Innenmeniskuszeichen positiv. 

Operative Versorgung

Die durchgeführte Kernspintomografie bestätigte die Verdachtsdiagnose einer kompletten vorderen Kreuzbandruptur mit konsekutivem Bone bruise im lateralen Kniegelenkskompartiment und eines kleinen Innenmeniskushinterhorneinrisses. Da das verunfallte Kniegelenk durch den sofortigen Kompressionsverband (abschwellende Maßnahmen) keine höhergradige Ergussbildung und starke Kapselschwellung entwickelte, erfolgte die zeitnahe operative Versorgung knapp in der 48-Stundengrenze. Intraoperativ zeigte sich die Diagnose einer kompletten vorderen Kreuzbandruptur und eines Innen­meniskushinterhornlappenrisses. Als Trans­plantatwahl wurde die Semitendinosussehne als Ersatzplastik des vorderen Kreuzbandes routinemäßig gewählt sowie eine Innenmeniskushinterhornglättung vorgenommen.

Operationstechnisch wird routinemäßig die Semitendinosussehne in der Einzelbündeltechnik von uns gewählt, da letztendlich die Zweibündeltechnik keine signifikanten Unterschiede im Ergebnis der vorderen Kreuzbandersatzplastiken mit der Semitendinosussehne statistisch zeigte [3]. Die Zweibündeltechnik ist operativtechnisch wesentlich anspruchsvoller und häufig resultieren relativ große zum Teil auch dann konflurierende Bohrkanäle mit entsprechendem knöchernen Substanzverlust, die gerade bei Revisionsoperationen häufig eine autologe Becken­knochentransplantation erforderlich machen.

Physikalische Therapie

Während des kurzstationären Aufenthaltes erfolgt sofort postoperativ die physikalische Therapie mit symmetrischen Anspannungsübungen, motorischen Bewegungsübungen, Lymphdrainagen, Physiotherapie sowie komplexer elektrischer Neurostimulation. Die Übungen werden je nach Schwellungszustand des Gelenkes und persönlicher Schmerzempfindung gesteigert. In der 5. postoperativen Woche erfolgte dann, bei völlig reizlosem Kniegelenk, die erweitere ambulante Physiotherapie (EAP) mit voller Belastung. Dieser intensiven physikalischen Maßnahmen entwickelte sich doch eine mäßige Oberschenkelmuskelschwäche nach der Operation, wie man sie leider üblicherweise sieht. Die EAP-Maßnahmen wurden in Kassel im RehaMed durchgeführt sowie im Reha­Zentrum Donau­stauf bei Klaus Eder.

Aufbau der Muskulatur

Nach Steigerung der EAP-Maßnahmen stellte sich nach ca. zweieinhalb Monaten ein Patellaspitzensyndrom ein, welches konservativ, u.a. mit Stoßwellentherapie behandelt wurde und nach vier Wochen komplett ausheilte, so dass dann wieder eine Intensivierung der Koor­dinationsübungen mit Aufschulung der Oberschenkelmuskulatur und der Rumpf­muskulatur, Dehnungen sowie zunehmende Koordinations­übungen mit Einbeinsprüngen und Einsatz des Therapiekreisels und intensivem Krafttraining durchgeführt wurde und es zu einem gezielten Aufbau der Oberschenkelmuskulatur und Verbesserung der Koordination kam.  Es wurde sehr auf das Verhalten bei ­V­algus-/­Varusstressmomenten geachtet, zudem wurde die Sprungzahl und –zeit beim Square-Hop-Test und beim Landing Error Scoring System beobachtet. Diese Tests gehen allerdings erst zu einem späteren Verlauf der Rehabilitation, da sie in sich auch ein Verletzungsrisiko bürgen. Laut Patrick Luig et al [4] sind Einbeinsprungtests auch in Sprungweite und Sprunghöhe sowie das Standing-jump-Tests und Coutermovement JumpTest und One leg Countermovement Jump Test statistisch nicht signifikant als funktionelle Screeningtests die Überprüfung nach vorderen Kreuzbandersatzplastiken.

Malte Schröder begann nach acht Wochen ein zusätzliches intensives Lauftraining. Die Belastungserprobung im Training erfolgte nach viereinhalb Monaten. Dieses zunächst eingeschränkte Handballtraining wurde dann zunehmend in den nächsten sechs Wochen mit Gegnerkontakt unter Vollbelastung gesteigert. Bei den fortlaufenden klinischen Untersuchungen zeigte sich das Kniegelenk absolut bandstabil. Letztendlich trat die vollständige Sportfähigkeit und damit Arbeitsfähigkeit aber erst nach 7 1/2 Monaten zum 01.04.2016 ein. Damit liegt der Spieler jedoch absolut im Durchschnitt der Fußball- und Handballprofis. Nur ein Drittel der Handball- und Fußballprofis sind nach sechs Monaten vollständig sport- und wettkampffähig, während ein knappes weiteres Drittel erst nach acht Monaten voll sport- und wettkampffähig ist. Weitere 10 % sind nach zehn Monaten wettkampffähig und die restlichen ca. 20 % nach einem Jahr [4]. Malte Schröder spielte ohne Einschränkung im vollen Wettkampfbetrieb in der 1. Bundesliga wieder Handball und hat gerade zum Saisonende noch wichtige Akzente in der MT-Bundesliga-­Handballmannschaft setzen können.

Zum Thema

Nach Luig sind mit ca. 300 – 500 vorderen Kreuzbandrupturen pro Jahr im versicherten-bezahlten Sport laut VBG zu rechnen, die Sportinvalidität wird von der Bau-BG bei diesen Verletzungsmustern bisher nicht erfasst. Die vorderen Kreuzbandverletzungen treten absolut im Training zu 55 % und im Spiel zu 45 % auf, aber die Inzidenzen betragen 2,5-fache Kreuzbandverletzung pro 1000 Stunden, im Training jedoch 65 % pro 1000 Stunden im Spiel, somit ist beim Wettkampfspiel ein 20 – 30 mal höheres Verletzungsrisiko für eine vordere Kreuzbandverletzungen gegenüber dem Training gegeben. Vordere Kreuzbandverletzungen führen bei der VBG allerdings zu 1,5 % aller entschädigten Unfälle im bezahlten Sport, aber zu 25 % aller Entschädigungsleistungen im bezahlten Sport.

Was geht in dem Spieler nach einer solch schweren Verletzung vor?

„Wenn einem Sportler eine derartige Verletzung wie beschrieben widerfährt, dann ändert sich von jetzt auf gleich sein Blickwinkel und sein Denken grundlegend – so war es zumindest bei mir. Anstatt über das nächste Training oder Spiel nachzudenken, drehten sich meine Gedanken plötzlich um grundsätzliche Fragen wie: Werde ich wieder 100 %ig fit und kann an mein altes Leistungsniveau anknüpfen? Wie gestaltete sich meine Karriere mit einem auslaufenden Vertrag im Rücken weiter? Ist es an der Zeit, die Handballschuhe an den Nagel zu hängen bzw. einen anderen Berufsweg einzuschlagen, da das Leben im Profisport so oder so endlich ist?

Um mich diesen Fragen zu stellen, führte ich viele Gespräche im Familien-, Freundes- und auch Kollegenkreis. Aus medizinischer Sicht und von vielen Profis, die das gleiche Schicksal ereilt hat, bekam ich schnell das Feedback, dass bei einem guten Verlauf der Operation und Nachbehandlung einer Kreuzband-OP der vollständigen Genesung nichts im Wege steht. Das machte mir schon einmal Mut. Dazu kam der Faktor Geduld, den man als Profisportler natürlich nicht hat. Mir war dennoch klar, dass ich mit mindestens sechs Monaten Ausfallzeit rechnen musste.  Um diese Zeit so ansprechend wie möglich zu gestalten, verbrachte ich die ersten Wochen in der Reha bei der Familie und versuchte danach durch einen Wechsel aus stationärer Reha in Donaustauf, EAP­Maßnahmen in Kassel sowie sukzes­sive Eingliederung ins Mannschafts­training – zunächst durch gemeinsame Athletik/Krafteinheiten – immer neue Trainingsziele zu setzen sowie Abwechslung für den Kopf zu schaffen.

Meine existenziellen Sorgen lösten sich auch relativ zeitnah auf, da mir schon während der Reha-Phase Vertragsangebote vorlagen, verknüpft mit einer Perspektive nach dem Sportlerleben. Nichts desto trotz ging ich nach meiner Gesundschreibung bewusster in Trainingseinheiten und Spiele, da es einfach nicht selbstverständlich ist, Bundesliga zu spielen und man sich diese Tätigkeit durch hartes Training verdienen muss. Ich versuche also, die Zeit mehr zu genießen und nehme es nicht mehr für so selbstverständlich hin wie vor der Verletzung. Das hätte allerdings insgesamt nicht funktioniert, wenn ich nicht durch die Ärzte, Trainer und Physiotherapeuten so gut betreut worden wäre. Danke dafür!“

Malte Schröder spielte von 2012 bis 2016 bei MT Melsungen. Im Sommer 2016 wechselte er zum TV Emsdetten.

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Der Autor

Dr. med. Gerd Rauch ist Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie. Der Sportmediziner und Chiropraktiker hat eine Zulassung als Durchgangsarzt (D-Arzt) und ist Mitinhaber der Orthopädischchirurgischen Gemeinschaftspraxis und Praxisklinik OCP Kassel mit dem Schwerpunkt ambulante Operationen.

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