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Wundheilung beschleunigen

Mit Hyaluronsäure gegen großflächige Hautabschürfungen –  ein Beispiel aus dem Radsport

Schon an den ersten beiden Tagen der diesjährigen Tour de France stürzte Alberto Contador zweimal und zog sich Hautabschürfungen zu. Nach der neunten Etappe brach er körperlich angeschlagen die Tour ab. Foto: © www.pixathlon.de

Massenkarambolagen und Stürze sind im Radrennsport keine Seltenheit. Oft kommt es dabei zu Frakturen und bedroh­lichen inneren Verletzungen. Typische Begleiterscheinung: teils schwerste Haut­abschürfungen. Warum Sporttramatologe Dirk Tenner dabei auf den Einsatz von Hyaluronsäure schwört, erklärt er in diesem Beitrag.

Wie alle Hochleistungssportler sind Radrennfahrer überdurchschnittlich verletzungsgefährdet. Im Rahmen einer Beobachtung über den Zeitraum von 25 Jahren (Steinbrück, 1999) wurde festgestellt, dass sie auf Platz acht der meistverletzten Sportler rangieren – hinter Fußballern, Skifahrern, Tennisspielern, Leichtathleten sowie Hand-, Volley- und Basketballern. Je höher das Niveau, auf dem Leistungssportler trainieren und an Wettkämpfen teilnehmen, umso mehr steigt auch die Verletzungsgefahr.

Zu den typischen Verletzungen von Radsportlern – ob unterwegs auf Straße, Bahn oder im Gelände – zählen Frakturen der Extremitäten, der Clavicula und der Rippen sowie bedroh­liche innere Verletzungen, wie etwa Pneumothorax (Thompson  & Rivara, 2001). Im August vergangenen Jahres erlitt beispielsweise der für das südafrikanische MTN-Qhubeka-Team startende Brite Matthew (Matt) Brammeier auf der Tour of Utah Brüche der Rippen und des Beckens sowie einen Lungenriss, als er während einer Abfahrt eine Haarnadelkurve verpasste, ungebremst seitlich in ein Begleitfahrzeug fuhr und schwer stürzte.

Schwachpunkte des Körpers

Die Schwachpunkte eines Radrennfahrers sind aus medizinischer Sicht Achillessehne, Knie, Nacken, Schulter- und Lendenwirbelbereich. Führt man sich einen Unfall vor Augen, bei dem der Sportler schon rein intuitiv versucht, seinen Sturz mithilfe seiner Arme abzumildern, wird deutlich, warum Finger, Handgelenke und Schulter so stark betroffene Körperregionen sind. Sprengungen des dem Schlüsselbein benachbarten Acromioclaviculargelenks sind gleichermaßen häufig (Temme, 2005; Wahler, 2002). Nebenbei ist auch die der Aerodynamik geschuldete extreme Sitzhaltung auf dem Rennrad nicht selten Ursache von Problemen an Wirbelsäule, Schultermuskulatur und Handgelenken. Auch Insertionstendinopathien am Knie (Entzündungen der Sehnenansätze) kommen vor. Immerhin konnte die Zahl und Schwere von Schädel-Hirnverletzungen dank der Einführung der Helmpflicht für Radrennfahrer im Jahr 2004 deutlich gesenkt werden.

Die häufigsten Verletzungen im Straßenradrennsport sind aber nach wie vor Hautabschürfungen – mit und ohne Prellungen, Frakturen oder innere Verletzungen. Schließlich finden die Wettkämpfe üblicherweise auf öffentlichen Straßen mit allen natürlichen Hindernissen, ausgenommen des fließenden Verkehrs, statt. Dabei betragen die Durchschnittsgeschwindigkeiten im Rennen 38 bis 45 km/h. Maximal erreichen die Fahrer im Spurt ein Tempo von etwa 75 km/h, bei der Abfahrt sogar bis zu 115 km/h. Hinzu kommt das teils unverantwortliche Verhalten von Zuschauern, wie etwa im Mai 2015 beim Giro d’Italia, als ein Hobby-Fahrer mit einem sogenannten Fixie, ein Rad ohne Bremsen und Gangschaltung, einen Massensturz mit 30 Beteiligten verursachte.

Medizinische Versorgung

Beim von mir betreuten südafrikanischen Team Dimension Data beginnt die intensive Begleitung je nach Wettkampf einen Tag (z. B. bei der Vuelta España) oder eine Woche vor dem Start (etwa bei der Tour de France). Aufgabe des Mannschaftsarztes im Vorfeld einer Rennveranstaltung ist es unter anderem, sich über die Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten in den umliegenden Krankenhäusern der jeweiligen Etappen zu informieren, mit den Kliniken in Kontakt zu treten und eine möglicherweise notwendig werdende Zusammenarbeit zu koordinieren. Ziel ist, möglichst viel Zeit bei der Behandlung eines Profisportlers zu sparen. So kann verhindert werden, dass dem Fahrer wertvolle Zeit zur Regeneration des Körpers (z. B. Schlaf) genommen wird. Außerdem verhindert man unnötigen Stress, der beim Athleten entsteht, wenn er erleben muss, dass ihm nicht schnell geholfen werden kann.

Die Herausforderung für den Teamarzt besteht dann vor allem in der fachübergreifenden Behandlung von Wunden mit Hautdefekten und Knochenbeteiligung sowie ggf. inneren Verletzungen. Von besonderer Bedeutung ist es hier, interdisziplinär zu handeln. Der aktive Austausch auch zwischen Mannschaftsärzten unterschiedlicher Teams ist dabei von großer Bedeutung.

Überholte Therapie

Betrachten wir die Maßnahmen bei Hautabschürfungen im Detail. Populär ist nach wie vor der klassische Ansatz der Wundversorgung, der selbst bei tiefen Schürfwunden für die meisten Mediziner noch immer das Mittel der Wahl darstellt. Er besteht zunächst aus einer antiseptischen Behandlung mit einer Wunddesinfektionslösung, die einen antimikrobiellen und kationenaktiven Wirkstoff enthält. Die Primärabdeckung erfolgt mit einem Wunddistanzgitter aus Fettgaze oder Silikon, als Sekundärabdeckung werden in der Regel Mullkompressen eingesetzt. Die Fixierung schließlich erfolgt mit einem Netz- oder Schlauchverband.

Diese Methode bringt jedoch zahlreiche Nachteile mit sich. Zunächst einmal wird bei großflächigen Hautabschürfungen mehr als ein Verband benötigt und die mehreren Schritte der Wundversorgung kosten Zeit. Darüber hinaus steht infrage, ob diese Art der Wundversorgung bei großflächigen Läsionen tatsächlich auch wirtschaftlich die beste Möglichkeit darstellt. Weiter kommt hinzu, dass der Platzbedarf beim Transport hoch ist – schließlich muss man für jede Eventualität, etwa Stürze mit mehreren Beteiligten, vorbereitet sein.

Alternative Hyaluron

In der ORTHOPARC Klinik in Köln nutzen wir seit einiger Zeit ein neues Therapiekonzept, das keinen einzigen dieser Nachteile mit sich bringt. Wir versorgen selbst tiefe Hautabschürfungen statt mit einer Wunddesinfektionslösung mit einem Hyaluron-Spray (z. B. Hyalo4 Control Spray der Firma Fidia Pharma), das die Gewebeneubildung fördert und Feuchtigkeit spendet. Es wird nach der Wundreinigung mit einer physiologischen Kochsalzlösung als Primärabdeckung der Wunde aufgebracht. Die Sekundärabdeckung und die Fixierung erfolgen auch hier mit einer Mullkompresse, die mit Heftpflaster, einem Netz- oder Schlauchverband an Ort und Stelle gehalten wird. Die Erstversorgung geschieht jedoch deutlich schneller und darüber hinaus auch noch wirtschaftlicher als mit der althergebrachten Methode. Denn im Profiradrennsport treten vor allem Hautläsionen großflächiger Natur auf – was den Einsatz mehrerer (meist fünf bis zehn) Wunddistanzgitter erforderlich macht.

Vorteile, die für uns als Mediziner zählen, sind vor allem die schnelle und praktische Anwendung als Spray, die Bindung und Reduzierung des Exsudats sowie eine hervorragende Infektionsprophylaxe und damit eine zügige Wundheilung. Vorteile sehen die von uns behandelten Fahrer in aller Regel speziell darin, dass im Rahmen der Behandlung kein Spannungsgefühl in der betroffenen Körperregion auftritt, was uneingeschränkte Bewegungsfreiheit ermöglicht. Durch das Fehlen einer Verkrustung während des Heilungsprozesses entstehen darüber hinaus weder zusätzlichen Schmerzen noch Hautirritationen. Zügig kommt es zu einem schönen Wundverschluss ohne Narbenbildung. Das gesamte Team profitiert darüber hinaus davon, dass der verletzte Sportler schnellstmöglich ins Training bzw. oft sogar in den aktuellen Wettkampf zurückkehren kann.

Fallbeispiel

Unser Patient, ein männlicher Radprofi, 28 Jahre alt, hatte bei einem Sturz mit einer Geschwindigkeit von 60 km/h bei der Trofeo Santanyí-Ses Salines-Campos im Rahmen der Vuelta Mallorca die für diese Sportart typischen Verletzungen erlitten. Primär lag bei ihm eine dislozierte Clavicula-Mehrfragment-Fraktur rechts vor. Zusätzlich hatte sich der Fahrer tiefe Hautabschürfungen im Bereich der rechten Schulter und des Schulterblatts zugezogen. Am Tag nach dem Unfall stellte sich der Patient bei mir in der Klinik in Köln vor und wurde noch am selben Tag operiert. Dabei stand eine offene Reposition an, in deren Rahmen wir uns für eine osteosynthetische Versorgung mit einer Winkelplatte entschieden.

Der erste Verbandswechsel geschah mit Fettgaze als Wunddistanzgitter. Ab dem zweiten postoperativen Tag behandelten wir die Schürfwunden mit einem Hyaluron-Spray. Das Spray wurde dem Fahrer zur weiteren Selbstversorgung mitgegeben. Er trug es einmal täglich neu auf. Die Abdeckung der Wunde erfolgte wiederum mit einer Mullkompresse, die am Rand mit Heftpflaster fixiert wurde. Am zehnten postoperativen Tag wurden die Fäden gezogen. Alle Schürfwunden waren zu diesem Zeitpunkt abgeheilt (s. Abb. 1 – erster Post-OP-Tag und Abb. 2 – zehnter Post-OP-Tag).

Wirkungsweise

Hyaluronsäure ist eine körpereigene Substanz, ein zur Gruppe der Mukopolysaccharide gehörendes Molekül, das an zahlreichen Reparaturprozessen der Haut beteiligt ist. In der Augenheilkunde, der Orthopädie und Dermatologie ist Hyaluronsäure seit Langem fest etabliert. Doch auch die Bedeutung für die Wundheilung kann kaum zu hoch eingeschätzt werden, wie immer deutlicher zutage tritt. Der Nutzen der Hyaluronsäure im Wundmanagement ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass sie ein extrem hohes Wasserbindevermögen besitzt. Dementsprechend ist ihr Einsatz besonders dort hilfreich, wo eine Versorgung nach dem Prinzip der feuchten Wundheilung angezeigt ist.

In der Exsudationsphase fördert Hyaluronsäure zunächst einmal den Einstrom von Makrophagen und moderiert den Entzündungsprozess, in dem sie die Menge entzündungsfördernde Zytokine positiv beeinflusst. Hyaluronsäure greift an den Zelloberflächenrezeptoren CD44, RHAMM, ICAM und TNF1 an. Zelltrümmer werden nun schleuniger abgeräumt, und der Kreis der Wundzerstörung wird durchbrochen. Hyaluronsäure bildet eine stark hydrierte Matrix. In der Granulationsphase fördert sie so die Migration von Fibroblasten und Keratinozyten, was die Neoangiogenese stimuliert. So wird die Gefäßneubildung aktiv unterstützt und die Versorgung des Wundgebiets mit Nährstoffen, Sauerstoff und immunkompetenten Zellen sichergestellt.

In der Epithelisierungsphase schließlich unterstützt Hyaluronsäure die Migration von Keratinozyten und die Zellregeneration. Die hyaluronsäurereiche Matrix verringert darüber hinaus die Einlagerung von Kollagen im Gewebe. Aufgrund dessen bilden sich im Vergleich zum klassischen Ansatz der Wundversorgung deutlich weniger Narben.

Fazit

Die Wundbehandlung mit Hyaluronsäure im Profisport ist ein durchaus gängiges Konzept, das sich bei uns in der Klinik praktisch bewährt hat. Empfehlenswert ist der Einsatz von Hyaluronsäure vor allem bei nicht-infizierten Wunden im Wettkampf- und Freizeitsport, wo es zu Hautläsionen durch gleitenden Bodenkontakt kommen kann, etwa Abriebverletzungen beim Handball, Basketball, Straßenradrennsport oder beim Fußball auf Kunstrasen. Wir empfehlen sowohl Sportärzten und Therapeuten als auch den Sportlern selbst, ein Hyaluronsäure-Spray in ihr First-Aid-Kit zu integrieren.

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Der Autor

Dirk Tenner ist Chefarzt Arthroskopie, Schulter­chirurgie und Sport­traumatologie in der ORTHOPARC Klinik in Köln. Er ist in der Leichtathletik und im ­Radsport + Triathlon aktiv und betreut internationale Spitzensportler, u. a. aus Fußball, Leichtathletik und Radsport. Seit 2015 ist Dirk Tenner Mannschaftsarzt des südafrikanischen ­Radsportteams Dimension Data.

 

Zum Thema

Jedes Profi-Team im Radrennsport verfügt über einen Mannschaftsarzt und in der Regel über einen Pfleger. Physio­therapeuten und ­Osteopathen halten erst jetzt nach und nach Einzug in die größeren Teams. Einen solchen zusätzlichen Experten für Manuelle Therapien einzubeziehen ist bislang leider noch keine gängige Praxis im professionellen Straßenradsport.

Unfallursachen können sein
- Kollisionen mit anderen Fahrern
- Abrupte ­Fahrmanöver zur ­Vermeidung einer Kollision
- Beschaffenheit der Strecke
- Probleme mit der Geschwindigkeits­kontrolle
- Menschliche Faktoren, z. B. Müdigkeit, Aufmerksam­keitsverlust
- Technische Gründe und Materialfehler

Hyaluronsäure bei der Wundheilung bewirkt

- Aufbau der extrazellulären Matrix
- Förderung der Zellproliferation und Neoangiogenese
- Förderung der Proliferation der basalen Keratinozyten
- Regulierung von inflammatorischen Prozessen
- Neutralisierung von Radikalen im Wundgebiet
- Verbesserung der Versorgungssituation im Wundgebiet mit Nähr- und Sauerstoff
- Reduktion der Narbenbildung
- insgesamt eine Beschleunigung der Wundheilung durch Stimulation der angeborenen Immunantwort der Haut

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