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Schwachstelle Knie

Nachbehandlung von Knieverletzungen im Nachwuchsfußball

Foto: © www.eintracht.com

Das Knie ist der Knackpunkt des menschlichen Körpers. Es bildet das Bewegungs­zentrum der unteren Extremitäten und wird gerade in dynamischen Spielsportarten,  zu denen Fußball gehört, mehr als alle anderen Gelenke beansprucht. Häufig gehen diese Beanspruchungen über die Belastungstoleranz der verschie­denen Strukturen des Knie­gelenks hinaus. In Bezug auf die Reha von VKB-Rupturen gibt es ein großes Gap der wissenschaftlichen Evidenz. Deshalb sind gerade hier Erfahrungs­berichte wichtig für den Austausch. Jesper Schwarz berichtet in diesem Artikel über seine Erfahrungen  mit Methoden der Nachbehandlung.

Meniskusriss, Innenbandzerrung, Außenbanddehnung oder gar Kreuzbandriss sowie Überlastungsschäden wie das Patella-Spitzen­syndrom – die fußballtypischen Verletzungen. Verletzungen im Kniebereich gehören neben den Muskelverletzungen, vor allem im Bereich der Oberschenkel, zu den häufigsten und meist auch zu den folgenreichsten Verletzungen im Fußball. Mit Knieverletzungen gehen oftmals weitere schwerwiegende Verletzungen wie z. B. Knorpelschäden oder Verletzungen der Menisci einher.  Entsprechend verlängert sich auch der gesamte Return-to-Play-Prozess.

Individuelle Betreuung

Besonders für Nachwuchstalente bedeuten schwerwiegende Verletzungen eine große Gefährdung ihrer sportlichen Karriere, da wichtige Entwicklungsetappen verpasst werden – daher versuchen wir hier durch die individuelle Betreuung jedes einzelnen Spielers einen bestmöglichen Outcome mit jeder Nachbehandlung zu erzielen. Unser Ziel als Physiotherapeuten und Reha-Trainer in einem Bundesliga-Nachwuchsleistungszentrum muss es also sein, Knieverletzungen durch geeignete Maßnahmen zu verhindern bzw., wenn diese dennoch auftreten, den Spielern durch eine optimale Nachbehandlung das Erreichen der präoperativen Leistungsfähigkeit zu ermöglichen. Gerade im Bezug auf die Rehabilitation von VKB-Rupturen gibt es keine vollständige wissenschaftliche Evidenz, deshalb finden wir Erfahrungsberichte für den Austausch untereinander wichtig.

Im folgenden Artikel möchte ich anhand von zwei Fallbeispielen unsere aktuelle Herangehensweise sowie den möglichen Einsatz von Trainings-Tools bei einer Akut- und Nach­behandlung von Knieverletzungen im Nachwuchsfußball präsentieren.

Kreuzbandriss: Vor und nach der OP

Das erste Fallbeispiel betrifft einen U19-Spieler, der sich in einem Pflichtspiel eine Verletzung des vorderen Kreuzbandes zuzog. Die Nachversorgung beinhaltet eine Kombination aus ärztlicher Versorgung, funktioneller konservativer Therapie und sportartspezifischer Trainingstherapie. Da die Erst­versorgung sowie die üblichen Therapieschritte nach einer solchen Verletzung bereits in einer vorherigen Ausgabe intensiv behandelt wurden (Hoffmann/Krutsch, sportärztezeitung Ausgabe 02/2016), sollen diese hier nur kurz erwähnt werden.

Vor der Operation wurden vor allem Cryotherapie, intensive Lymphdrainage sowie verschie­dene Faszien-Techniken eingesetzt (Abb. 1). Zur weiteren Unterstützung der Abschwellung des Gelenks setzten wir das Flossing Band ein. Der Spieler berichtete durchweg von positiven Ergebnissen und einem „freien“ Gefühl am betroffenen Gelenk. Durch das gute Zusammenwirken der verschiedenen Techniken konnten wir sowohl einen deutlichen Rückgang der Schwellung als auch einen nahezu vollständigen Bewegungsradius im beschädigten Gelenk erreichen, so dass das Knie schnell operiert werden konnte.

In der ersten Nachbehandlungsphase nach der OP kamen die oben genannten Techniken mehrmals täglich zum Einsatz und konnten sowohl das Abschwellen als auch die Wundheilung positiv beeinflussen. Neben physikalischen, physiotherapeutischen und pharmakologisch antiphlogistischen Maßnahmen erwies sich auch die wiederholte Anwendung der ALL-IN-Technik mit dem Flossing-Band als sehr hilfreich, das Gelenk schnellstmöglich wieder in Funktion zu bringen (Abb. 2). Unser oberstes Ziel in der zweiten Nachbehandlungsphase war die frühzeitige Wiedererlangung eines freien Bewegungsumfangs, die volle Belastbarkeit sowie eine schnelle Wiedererlangung der muskulären Kontrolle und Koordination – stets unter der Berücksichtigung wissenschaftlich nachgewiesener biologischer Heilungsphasen.

Nach einer umfangreichen Anamnese der momentanen Leistungsfähigkeit achten wir in der aktuellen Phase – der dritten Phase nach der OP – besonders darauf, dass die ausgewählten Übungen bereits frühzeitig sehr sportartspezifisch sind. Muskelaufbau und forciertes pro­priozeptives Training bilden neben ersten Aus­dauereinheiten den Trainingsschwerpunkt. Wir führen wiederholt eine Reihe verschiedener Tests durch, mit denen wir die Fortschritte des Spielers festhalten, um ihn bis zur nächsten Vorstellung bei unserem Arzt bestmöglich auf den Übergang zum sportartspezifischen Komplextraining vorzubereiten.

In der Zeit bis zur nächsten Wiedervorstellung stehen wir als medizinisches Team im täglichen Austausch mit dem Spieler und den behandelnden Ärzten und versuchen durch eine intensive, individuelle Nachbehandlung das bestmögliche Ergebnis für den Spieler zu erzielen.

Die in der Nachbehandlung eines VKB eingesetzten Verfahren auf einen Blick

  • Manuelle Therapie
  • Manuelle Lymphdrainage
  • FDM
  • Flossing
  • Kinesio Taping (Abb. 3)
  • Funktionelle Tests (single leg hop test etc.)
  • Umfang-und Kraftmessungen

Patella-Spitzensyndrom: Umfassende Nachbehandlung

Die vielen schnellen Richtungsänderungen und Start-Stopp-Bewegungen belasten das Knie im Fußball permanent und erheblich. Diese Belastung kann schließlich zu einer Überlastung der Patella-Sehne führen und mündet häufig in einer schmerzhaften Entzündung der Sehne am Kniescheibenansatz. Das Patella-Spitzensyndrom stellt sowohl für den Spieler, als auch für die medizinische Abteilung eine große Herausforderung dar. Je nach Fortschritt der Entzündung können die Schmerzen in verschiedene Schmerzgrade ­unterteilt werden. Das größte Problem beim Spitzensyndrom ist dabei die Langwierigkeit. Beispiele aus dem Profisport haben gezeigt, dass die Beschwerden mehrere Monate anhalten oder gar chronisch werden können.

Das zweite Fallbeispiel in diesem Artikel befasst sich mit der Nachbehandlung eines Spielers der U17-Bundesliga- Mannschaft, der bereits zu Beginn der Saison diese Diagnose erhalten hat. Immer wieder hatte der Spieler in den Trainingseinheiten mit wiederkehrendem Druckschmerz unterhalb der Kniescheibe zu kämpfen. Mit der folgenden Nachbehandlung konnten wir gute erzielen und den Spieler schnell zurück auf den Sportplatz bringen. Mittlerweile kann er wieder beschwerdefrei an allen Einheiten seines Teams teilnehmen.

Am Anfang stand die Anamnese. Hier wurden bei unseren Partnerärzten verschiedene bildgebende Verfahren eingesetzt. Anschließend erfolgte eine zweiwöchige Trainings- und Belastungspause, in der der Spieler physikalische und physiotherapeutische Therapie erhielt. Auch hier zeigte sich die wiederholte Anwendung des Flossings in Kombination mit verschiedenen Faszien-Techniken als hilfreich in Bezug auf die Schmerzempfindlichkeit des Spielers (Abb. 4).

Langsam – immer angepasst an die Beschwerden – steigerten wir die Belastung, um den Spieler wieder an das normale Maß zu gewöhnen. Dazu wurde der Spieler mit Kinesio Tape (Rectus femoris Tape, Jumpers Knee Tape) sowie myofaszialem Tape zur Reduzierung der ventralen Faszienspannung im Kniebereich versorgt (Abb. 5). Der Spieler nahm die Teilnahme am Trainingsbetrieb wieder auf. Als nach einiger Zeit die gleichen Beschwerden wieder auftraten, verlängerten wir die Trainingspause bei gleichbleibenden Therapieinhalten um vier Wochen. Um unseren Spieler bestmöglich und auch langfristig zu therapieren, unterzogen wir ihn verschiedener Bewegungsanalysen wie z. B. einer Gang- und Laufanalyse und einer 3D-Bewegungsanalyse. In Zusammenarbeit mit den externen Spezialisten entwickelten wir ein spezifisches, individuelles Trainingsprogramm, das der Spieler nunmehr seit zwei Monaten parallel zum Mannschaftstraining absolviert. Dieses Programm umfasst Übungen zur Dehnung und Mobilisierung der Oberschenkel sowie zur Kräftigung der Beinachse (Abb. 6). Übungen zur Selbstmassage mit der Faszienrolle sind ebenso fester Bestandteil des individuellen Trainingsplans (Abb. 7). Zusätzlich erhält der Spieler eine physiotherapeu­tische Behandlung im Bereich der Lenden­wirbelsäule.

Die in der Nachbehandlung eines Patella-Spitzen­syndroms eingesetzten Verfahren auf einen Blick

  • Ruhepause
  • Manuelle Therapie
  • Manuelle Lymphdrainage
  • Eis-und Kältetherapie
  • FDM
  • Flossing
  • Kinesio Taping
  • Myofasziales Taping
  • Laufanalyse 3D Bewegungsanalyse

Interdisziplinärer Austausch und Zusammenarbeit

In unserer medizinischen Abteilung arbeiten wir immer Hand in Hand und versuchen, durch einen häufigen Austausch bestmöglich voneinander zu profitieren.  Um unseren Spieler eine optimale Versorgung zu bieten, setzen wir in unserem Versorgungsmanagement auf eine sehr enge Zusammenarbeit mit unseren Kooperationsärzten und unseren Partnerpraxen. Durch diese Kooperationen haben wir einen schnellen Zugriff auf verschiedene Verfahren wie z. B. Röntgen, Ultraschall oder MRT. Wir lassen unsere Spieler sowohl direkt vor Ort als auch von unseren Partnern versorgen und nutzen so alle Möglichkeiten einer schnellen und kompetenten Behandlung. In besonderen Fällen arbeiten wir außerdem mit anderen Partnern wie Bewegungsanalytikern und Trainingswissenschaftlern zusammen.

Die Entscheidungen über das weitere Verfahren sind stets Konsensentscheidungen aller am Reha-Prozess Beteiligten. Auch nach einer erfolgreichen Reha sind wir bemüht, den Weg unserer Spieler weiterhin aufmerksam zu begleiten und sie bestmöglich zu unterstützen. Steht ein Spieler nach langer Verletzungspause wieder vollständig genesen auf dem Platz, hat sich die intensive Arbeit für alle Beteiligten bezahlt gemacht.

Fazit

Mit unserem Konzept der individuellen, intensiven Nachbehandlung erreichten wir

  • eine Zeitverkürzung bis zur OP
  • die wirkungsvolle Unterstützung der Abschwellung
  • eine verbesserte Beweglichkeit

Nach meinen Erfahrungen, die ich in nunmehr drei Jahren Arbeit mit Nachwuchsfußballspielern in einem Leistungszentrum sammeln konnte, gelingt eine Rückkehr in Training und Spiel am besten durch eine Nachbehandlung aus einer Kombination von Physiotherapie und sportartspezifischem Reha-Training. Eine gute interdisziplinäre Zusammenarbeit verbunden mit einem optimalen Verletzungsmanagement (Ödemreduktion, Durchbewegen, Narbenbehandlung etc.) kann die Ergebnisse noch einmal deutlich verbessern. Ein Blick über den Tellerrand, das Erproben neuer Ansätze und Methoden hat sich mit Einschränkungen als lohnenswert erwiesen. Mit Therapieformen wie dem Flossing, dem myofaszialen Taping oder auch den osteopathischen Behandlungstechniken an Becken und Bauch konnten wir sehr gute Behandlungsergebnisse erzielen.

Der interdisziplinäre Austausch – auch mit den Mannschaftstrainern – ermöglicht es, dass wir die verletzten Spieler auch in den Phasen, in denen eine aktive Nachbehandlung nicht durchführbar ist, aufbauen können, indem wir die Zeit nutzen und z.B. ein Schwächentraining oder auch ein Videocoaching für den taktischen Bereich oder Ähnliches einfügen.

Fotos: © www.eintracht.com

 

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Der Autor

Jesper Schwarz, der studierte Sport­wissenschaftler und DFB A-Lizenz Inhaber arbeitet seit 2013 als Reha- und Athletiktrainer im Nachwuchsleistungs­zentrum von Eintracht Braunschweig. Zusammen mit NLZ Leiter Physio­therapie ­­Marco Engler koordiniert Schwarz die Nach­behandlung der Spieler.

Mehr Informationen über den Autor erfahren Sie unter www.soccathletix.de

Anmerkung der Redaktion

Der Text behandelt ausschließlich Erfahrung des Autors mit den vorgestellten Methoden. Allerdings muss darauf hingewiesen werden, dass einige wissenschaftliche Erklärung der Wirkung einiger der aufgezeigten Methoden noch ausstehen und diesen weiter wissenschaftlich nachgegangen werden muss.

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