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Hinter Schmerzen im Bereich der Symphyse und der Schambeinäste verbergen sich sehr unterschiedliche Krankheitsbilder. Der verallgemeinernde Begriff der Schambeinentzündung ist daher irreführend. Man kann davon ausgehen, dass bei diesem Beschwerdebild eine Reihe körperstruktureller Probleme vorliegen. Physiotherapeut Marco Congia zeigt an einem Beispiel aus dem Fußball, wie das Problem behandelt werden kann.

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Schambeinentzündung bei Sportlern

Welche physiotherapeutischen Maßnahmen bei diesem Beschwerdebild wirksam sind, zeigt ein Fallbeispiel

Der Fußballregionalligaspieler David Lauretta bemerkte erstmals in der Wintervorbereitung der Saison 2014/2015 Schmerzen an den Oberschenkel­innenseiten. Trotzdem trainierte er noch zwei Tage weiter. Am dritten Tag konnte er kaum mehr gehen und brach das Training ab. Was dann folgte, war ein langwieriger Prozess, der mit der Diagnose Knochenödem und Verdacht auf Adduktorenzerrung im Januar 2015 begann.

Nach verschiedenen ärztlichen und physiotherapeutischen Behandlungen und längeren Pausen erhielt Lauretta im Juli 2015 die Diagnose Schambeinentzündung, worauf eine weitere Therapie stattfand (Spritzen, Stoßwellenbehandlung, Infusionen sowie Verabreichung von Vitamin D). Das Ergebnis war eine leichte Verbesserung. Aber nach wie vor klagte Lauretta bei stärkerer Belastung und Verzicht auf die Spritzen über ein Schmerzgefühl im Adduktoren- und Hüftbeugerbereich. Ende Juli 2015 wurde der Sportler in unserer Physiotherapiepraxis vorstellig, und wir begannen eine umfangreiche konservative Behandlung.

Erstbefund

Nach einer ausführlichen Anamnese führten wir eine Reihe von Tests durch, unter anderem zu parietalen Dysfunktionen. Ein umfassender Ecoute-Test im Sitzen ergab ein auffälligeres Ergebnis als im Stand. Im Liegen zeigte sich ein erhöhter asymmetrischer Tonus im Bereich der Oberschenkel. Die Schmerzen des Patienten traten bei allen aktiven und passiven Bewegungen auf. Der Sichtbefund ergab eine deutliche muskuläre Dysbalance zwischen Bauch- und Rückenmuskulatur mit einem starken Muskeltonus der Bauchmuskeln.

Außerdem konnten bei Lauretta deutliche Triggerbänder im Bereich der Adduktoren und des hinteren Oberschenkels diagnostiziert werden. Des Weiteren stellten wir eindeutig Continuum Distorsionen im Bereich der Symphyse und eine Faltdistorsion L4 fest. Bei der globalen viszeralen Testung zeigte sich in der unteren Bauchhälfte eine festere Spannung. Die parietale Untersuchung ergab Hinweise auf eine Fehlstellung des Beckens (Ilium anterior links mit einem Outflare und einem Pubis inferior). Ferner zeigten sich eine Dysfunktion FRS rechts und dysregulierte Segmente in Höhe Th2/Th3 sowie  Th5/Th6. Eine Blockade der Kopfgelenke C0/C1 und eine überhöhte Dura-Mater-Spannung konnten festgestellt werden.

Behandlungsplan

Basierend auf diesem Erstbefund erarbeiteten wir einen Behandlungsplan. Das tägliche Programm für den Patienten bestand zum einen aus Hands-on-Behandlungen, im Speziellen mit dem osteopathischen Fasziendistorsionsmodell nach Typaldos sowie mit Flossing. Dabei werden die betroffenen Extremitäten mit einem Latexband großflächig eingewickelt, sodass ein Zug entsteht. Gleichzeitig wird das Gelenk bewegt.

Zum anderen ging es im Bereich der Hands-off-Techniken um ein spezielles, mobilisierendes Krafttraining gemäß der PRT-Methode nach Prof. Bert van Wingerden. Antagonistisches Dehnen und prehabilitatives Training standen ebenfalls auf dem Plan. Zudem wurde eine Ernährungsumstellung besprochen und ein passender, individueller Ernährungsplan erstellt. Täglich fanden ein bis drei Behandlungen von einer bis eineinhalb Stunden statt, schon bald mit den erwünschten Ergebnissen. Nach gut sechs Wochen war der Patient beschwerdefrei und konnte wieder ins Training einsteigen.

Empfehlung

Für den nachhaltigen Erfolg ist es wichtig, dass ein ausreichendes Aufwärmtraining verbunden mit Dehnübungen absolviert wird. Wenn möglich sollen neue Bewegungsabläufe eingeübt werden, um zu abrupte Bewegungen zu vermeiden. Ein durch medizinisches Fachpersonal beaufsichtigtes Aufbau- und Stabilisierungstraining für die Bauch- und Rumpfmuskulatur wird ebenfalls empfohlen.

Die eingesetzten Behandlungsmethoden im Überblick:

  • Viszerale Techniken der Osteopathie für die Unterbauchorgane
  • Fasziale Techniken der Osteopathie für die Diaphragmen, für die Zentralsehne und für die Bowstrings
  • Cranio-Sacral-Therapie
  • Flossing im Beckenbereich und an den Adduktoren
  • Fasziendistorsionsmodell nach Typaldos im Bereich der Adduktoren
  • Symphysen-Techniken
  • Entspannungsfördernde Positional-­Release-Technik (PRT)
  • Core-Training nach Mark Verstegen

Den vollständigen Behandlungsablauf finden Sie hier: www.s-ae-z.de/1039

 

Anmerkung der Redaktion und des ärztlichen Beirats der sportärztezeitung:

Die in diesem Fallbeispiel angewendeten Methoden in der Behandlung der Osteitis pubis sind nach Erfahrungen des Autors wirksam. Wir weisen darauf hin, dass eine wissenschaftliche Erklärung der Wirkung einiger der aufgezeigten Methoden noch aussteht, wie auch anderer Methoden, die im praktischen Alltag der Sportlerbetreuung bei Osteitis pubis erfolgreich eingesetzt werden. Die Osteitis pubis ist ein multi-lokuläres Geschehen am Sportler und bedarf einer multi-modalen Therapie, bei der die physiotherapeutische Behandlung den wichtigsten Eckpfeiler darstellt und mit anderen erfolgreichen Verfahren, wie zum Beispiel mit der extrakorporalen Stoßwellentherapie oder invasiven Verfahren, kombiniert werden kann. Nachdem Fallberichte, internationale Konsensus-Treffen und andere Studien niedriger Evidenz zu diesem Thema bereits vorliegen (Weir et al., 2015, BJSM; Delahunt et al., 2015, BJSM), sind Studien mit hohem Evidenzlevel (RCT) zu diesen konservativen Therapieverfahren notwendig. Die konservativen Therapeuten sind zur Durchführung solcher Studien zu ermutigen.

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Der Autor

Marco Congia ist Physiotherapeut in der Heilpraktikerausbildung und Inhaber einer Praxis in Bad Driburg. Er absolvierte eine Weiterbildung zum „Physical Rehabilitation Trainer“ am International Performance Institute von Mark Verstegen in den USA. Congia ist Physiotherapeut des Damen-Tischtennis-Bundesligavereins TuS Bad Driburg und schreibt zurzeit gemeinsam mit weiteren medizinischen Experten an einem Buch zur Schambeinentzündung. Es soll im Sommer 2016 veröffentlicht werden.

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