Robin Benzing – Return to Aktion

Diagnostik, Therapie und Reha einer Knieverletzung

Beim Basketball-Länderspiel Deutschland gegen Russland, das am 18. August 2017 im Rahmen des Supercups stattfand, zog sich der Nationalspieler und Kapitän der Deutschen Basketball-Nationalmannschaft Robin Benzing unmittelbar zu Beginn des Spiels eine Knieverletzung zu. Da er initial ein instabiles Gefühl und massive Schmerzen angab, wurde er sofort ausgewechselt und musste gestützt vom Feld gebracht werden (Initial erhebliche Schmerzsymptomatik, Druckgefühl im Kniegelenk und das subjektive Empfinden einer Instabilität des KG).

In der Kabine wurde er sofort von der medizinischen Abteilung des Deutschen Basketball Bundes (DBB) behandelt: Kühlung, Tape-Kompressionsverband, initiale Lymphdrainage durch den Physiotherapeuten, Analgetika, Antiphlogistika, Wobenzym. In der körperlichen Untersuchung war eine Differenzierung im Seitenvergleich aufgrund der Beschwerden und der erheblichen, schmerzbedingten muskulären Anspannung nicht möglich. Die Kollateralbänder zeigten sich, soweit beurteilbar, stabil. Weder eine adäquate Untersuchung des vorderen noch des hinteren Kreuzbandes war möglich. Es zeigte sich ein Druckschmerz im Bereich des medialen Gelenkspaltes.

19. August

Aufgrund der klinischen Symptomatik, der Videosequenz des Unfallherganges und Robins subjektiven Instabilitätsgefühls, befürchteten wir eine LCA Läsion des linken Kniegelenks. MRT Befund in Hamburg: Zerrung LCA mit V.a. intratendinöse Läsion, Kontusion/Ödem mediales Tibiaplateau linkes Knie, geringer Reizerguß. Kollateralbänder intakt, unauffällige Menisci. Obwohl keine schwerwiegende strukturelle Verletzung vorlag, bestand ein erhebliches Instabilitätsgefühl und somit ein fehlendes Vertrauen in die Belastbarkeit des Kniegelenks. Nach der MRT fand ein Meeting mit Medical Staff, Coaching Staff zwecks Beratung und Besprechung des weiteren Prozederes statt. Es erfolgte die gesundheitliche und sportliche Risikoabwägung. Zum einen bestand die Problematik darin, einen nicht gesunden Spieler mit zur EM zu nehmen, der womöglich nicht spielfähig wäre. Zum anderen hatte Robin keinen Vertrag und wollte sich während der EM zeigen. Es bestand somit die Gefahr, dass aus einer zunächst nicht so schwerwiegenden Verletzung eine schwerwiegendere Verletzung folgen könnte. Aus medizinischer Sicht wurde unsererseits die Möglichkeit einer Teilnahme an der EM als positiv eingeschätzt, jedoch mit einem nicht unerheblichen Risiko einer Folgeverletzung. Voraussetzung für die EM-Teilnahme war, dass Robin in der Vollbelastung komplett beschwerdefrei sein musste und vor allem keinerlei subjektives Instabilitätsgefühl mehr haben durfte.

Ödematös aufgetriebenes LCA mit V.a. intratendinöser Läsion
Kontusionsödem med. Tibiaplateau

20. –  24. August

Am 20. August fand die Behandlung durch das physiotherapeutische Team der Nationalmannschaft statt. Um den Regenerations- und Reparationsverlauf positiv zu beeinflussen, stellte Robin sich am 21. August in meiner Praxis in Köln zur Eigenblut Therapie (ACP) vor. Geplant war, nach einer Woche eine zweite Injektion folgen zu lassen. Robin reiste danach wieder zur Nationalmannschaft nach Berlin, um dort weiter physiotherapeutisch behandelt  und durch den Athletiktrainer an die Vollbelastung herangeführt zu werden. Die Behandlungsschwerpunkte waren vor allem die Wiederherstellung der Propriozeption des Kniegelenks sowie das Wiederheranführen an Basketball-spezifische Belastungen. Hierbei wurde vor allem je nach täglichem Befund des Kniegelenks der Schwerpunkt auf das Athletiktraining gelegt. Neben täglicher physiotherapeutischer Behandlung und Ergometer-Fahren wurden vor allen Dingen Stabilitätsübungen der gesamten Beinachse sowie Übungen im Sinne von Koordinationsleiter, Lauf-ABC durchgeführt. Des Weiteren erfolgten sogenannte Individuals, im Rahmen derer Robin mit den Coaches zusätzliche Basketball- spezifische Spielformen durchführte. Das subjektive Instabilitätsgefühl trotz fehlender struktureller Verletzungen des Kapselbandapparates ist vermutlich, aufgrund des doch massiven Traumas des Kniegelenks, auf eine erhebliche Störung der Propriozeption des Kniegelenks zurückzuführen. Man kann dies wohl am ehesten mit einer Gehirnerschütterung vergleichen. Obwohl auch hier keine strukturellen Verletzungen vorliegen, bedarf es ebenfalls einiger Zeit, bis es zu einer kompletten Wiederherstellung kommt. Somit musste Robin die Bewegungsmuster und die Stellung des Kniegelenks im Raum auf eine gewisse Art und Weise neu- bzw. wiedererlernen. Durch das motorische basketballspezifische Training wurde die Wiedererlangung eines subjektiven Stabilitätsgefühls und somit ein regelrechtes Bewegungsmuster erreicht.

25. August

Robin gibt erstmalig an, komplett beschwerdefrei bezüglich seines Kniegelenks zu sein, jedoch habe er noch ein geringes Instabilitätsgefühl. Je nach eigenem Empfinden Anlegen einer Kniegelenkbandage.

26. August

Teilnahme am Mannschaftstraining ohne Körperkontakt. Auch hiernach ist Robin komplett beschwerdefrei.

27. August

Letztes Testspiel gegen Frankreich in Berlin. Um kein Risiko einzugehen, wird auf einen Einsatz von Robin verzichtet. Ebenso wird auf eine zuvor geplante zweite Injektion mit ACP verzichtet, da Robin komplett beschwerdefrei ist.

28. August

Abreise der Mannschaft mit Robin zu Europameisterschaft nach Tel Aviv. Ab dem 22. August war ich nicht mehr vor Ort und das Team wurde von Dr. Neuendorfer weiter betreut, der auch für die EM-Vorrunde verantwortlich war. Wir standen täglich in telefonischen Kontakt. Ich habe die Mannschaft dann wieder in Istanbul übernommen.

Resümee

v.l.n.r. Arne Greskowiak (Athletiktrainer), Jo Kaufmann (Physio), Oliver Pütz (Mannschaftsarzt), Heikel Ben Meftah (Teambetreuer), Markus Flemming (Teampsychologe)
Mit Recht kann man anmerken, dass eine Zerrung des LCA keine schwerwiegende Verletzung sei, jedoch war zum Zeitpunkt der Diagnosestellung nicht sicher, ob eine Gefahr für das Kniegelenk durch die vermutlich bestehende intratendinöse Läsion bestand. In der Rückschau kann natürlich angemerkt werden, dass es sich nicht um eine intratendinöse Läsion gehandelt hat, sondern um ein unfallbedingtes ödematös aufgetriebenes LCA, dessen Faszikel sich dadurch im MRT zeigten. Allerdings ist das Hauptproblem nach erheblichen Traumatisierungen von Gelenken die massiv gestörte Propriozeption, die auch bei gesunden Athleten zu Folgeverletzungen führen kann. Der positive Verlauf der Rehabilitation hat sicher mehrere Gründe. Zum einen ist Robin ein sehr professioneller Athlet, den wir seit seinem ersten Länderspiel kennen und gut einschätzen können. Er betrachtet alles extrem differenziert und hält sich an die Absprachen. Zum anderen war natürlich von Vorteil, dass wir uns als Medical Staff schon seit Jahren kennen und uns aufeinander verlassen können. Hinzu kommen weitere Punkte, wie etwa das absolute Vertrauen des Trainerstabes sowie die Tatsache, dass wir über einen erstklassigen und erfahrenen Athletiktrainer verfügen (Arne Greskowiak, AGO Sport, Köln). Auch hier zeigte sich, dass störungsfreie Kommunikation zwischen Spieler, medizinischer Abteilung und Trainern eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Rehabilitation ist.

P.S: Nach Ende der EM unterschrieb Robin Benzing einen Dreijahresvertrag bei s.Oliver Würzburg und gab wenige Tage später am 20. September 2017 sein Europapokaldebüt für Würzburg in der Qualifikation zum FIBA Europe Cup gegen den türkischen Klub Istanbul Büyüksehir.

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Der Autor

Oliver Pütz ist Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie sowie ärztlicher Osteopath mit den Zusatzbezeichnungen Sportmedizin, Chirotherapie. In Köln ist er als niedergelassener Sportorthopäde in der „Orthopädie am Gürzenich“ Privatpraxis für Orthopädie, Sportmedizin und Fußchirurgie, Wirbelsäule&Sport tätig. Sein Spezialgebiet ist die konservative Behandlung und Prävention akuter und chronischer orthopädischer Erkrankungen sowie sportorthopädischer Verletzungen des gesamten Bewegungsapparates, insbesondere  von  Muskel- und Sehnenverletzungen im Zusammenhang mit Fehlstellungen und Haltungsdefiziten des Beckens und der Wirbelsäule. Oliver Pütz ist u.a. Mannschaftsarzt der deutschen Basketball-Nationalmannschaft (A-Kader) und der RheinStars Köln.

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