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Osteopathie gilt als Alternativmedizin. Doch inzwischen hat auch sie Einzug in einige Betreuerstäbe im deutschen Profifußball gehalten. Dort tragen Osteopathen mit ihrem speziellen Wissen zur Gesundheit und Fitness der Spieler bei. Genug sind es aber noch lange nicht. Ein Plädoyer für mehr Interdisziplinarität.

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Osteopathie als Werkzeugkasten

Warum und wie die manuelle Behandlung nach osteopathischen Prinzipien Anwendung im Leistungssport finden sollte, erklärt Steffen Tröster, Physiotherapeut des 1. FSV Mainz 05

Halten wir uns zunächst einmal vor Augen, was Osteopathie eigentlich ist. Hier beginnen meist schon die Schwierigkeiten im Verständnis, denn es gibt keine klaren Richtlinien, geschweige denn eine einheitliche Ausbildung. In Deutschland existieren zahlreiche Schulen, die durchaus unterschiedliche Kriterien anlegen. In den USA ist man da schon weiter: Dort wird der Beruf an Colleges erlernt und hat mit dem Titel „Doctor of Osteopathic Medicine“ einen reglementierten Abschluss. Immerhin – die Bundesarbeitsgemeinschaft Osteopathie e.V. (BAO), der Dachverband der in Deutschland führenden Osteopathie-Organisationen und -Schulen, engagiert sich für die Qualität der Ausbildungs- und Prüfungskriterien in seinen Mitgliedsorganisationen.

Inhaltlich kann man die Osteopathie in drei Bereiche einteilen: Die Parietale Osteopathie behandelt das Bindegewebe, die Gelenke und die Muskulatur. Die Viszerale Osteopathie widmet sich den inneren Organen und deren Befestigung durchs Bindegewebe am Bewegungsapparat. Die Craniosakrale Osteopathie schließlich konzentriert sich auf Schädel, Wirbelsäule und Kreuzbein.

Ich selbst bin als osteopathisch ausgebildeter Physiotherapeut täglich für die Fußball-Profis des 1. FSV Mainz 05 tätig. Oder sagen wir besser: Ich nehme mir in meiner täglichen Arbeit einige Teile aus dem osteopathischen Feld heraus und wende sie situationsbedingt an. Warum ich das betone? Weil die Osteopathie kein Allheilmittel ist, auf das allein gesetzt werden sollte. Vielmehr ergänzt die Osteopathie die Möglichkeiten der Schulmedizin. Nur wenn es hier zu einem Miteinander kommt, findet eine effektive Anwendung statt.

Osteopathie im Leistungssport

Immer wieder wird die Aussage ins Feld geführt, dass Osteopathie die Selbstheilungskräfte aktiviert und fördert. Und dass der Körper als Funktionseinheit gesehen wird. Das ist sicher alles richtig, jedoch reichen diese Aussagen nicht aus, wenn man der Frage nachgehen möchte, was Osteopathie gerade im Leistungssport bringen kann.

Ich bezeichne die Osteopathie gern als guten Grundstock. Jeder Einzelne wendet aufgrund seiner Erfahrungen andere Formen an, beziehungsweise legt seinen Fokus auf andere Diagnose- und Therapieformen. Dazu zählen unter anderem Chirotherapie, Chiropraktik, Manualtherapie und myofasziale Körperarbeit. Wichtig dabei ist das funktionelle Verständnis des Behandlers. Was es dann letztendlich ist, das hilft, spielt nur eine geringe Rolle. Hauptsache ist, dass es hilft.

Damit diese Therapien nützen können, muss aber eine optimale Kommunikation zwischen den Ärzten, Physiotherapeuten, Masseuren und den Osteopathen herrschen – und das auch über die Vereinsgrenzen hinaus. So profitieren alle Beteiligten. Ich selbst kooperiere beispielsweise mit Klaus Maierstein, dem Leitenden Physiotherapeuten und Rehatrainer des 1. FC Köln.

Keiner kann alles, jeder muss seine Grenzen kennen. Nur so kann darüber entschieden werden, wann und wie man osteopathische Praktiken anwenden kann. Zwar hat die Osteopathie eigene Diagnosemittel, doch sind ärztliche Differenzialdiagnosen definitiv von entscheidender Bedeutung. Es gibt eine Vielzahl konservativer Therapieformen, und nur wenn gegenseitige Akzeptanz herrscht und die Vertreter unterschiedlicher Disziplinen sich als Team verstehen, können sie effektiv zum Wohle des Patienten eingesetzt werden. Eine gute Therapie bedeutet, eine sinnvolle Problemlösung zu finden. Aus der Osteopathie nimmt man sich das für die Situation Beste heraus und nutzt es.

Exakt so muss man die Osteopathie sehen und anwenden: Als Werkzeugkasten, aus dem man sich das Passende herausgreift, um sinnvoll zu reparieren. Um ein Loch in die Wand zu schlagen, brauche ich einen Hammer und keine Säge. Doch wenn ich ein Regal zusammenbaue, bringt mir der Hammer nichts, dann benötige ich einen Schrauber. Ich möchte im Folgenden drei Beispiele geben, die illustrieren, was es heißt, wenn man in der Osteopathie von der Funktionseinheit des Körpers spricht.

Visuelles System als Störfeld
Die Augen passen sich ständig an Veränderungen ihrer Umgebung an. Peripheres Sehen und hohe Handlungsschnelligkeit in neuen ungewohnten Spielformen können das visuelle System von Profifußballern sehr belasten. Symptome sind meist Müdigkeit, Kopfschmerzen und Hals-Nacken-Beschwerden. Die Halswirbelsäule hat neurovegetative Verschaltungen bis ins Auge, und bei Überlastung des visuellen Systems kann dies mit wiederkehrenden Blockaden im Bereich der Halswirbelsäule einhergehen.

Verdauungsprobleme
Häufig essen Sportler zu schnell. Dann können Verdauungsenzyme im Speichel nicht ihre volle Wirkung entfalten. Schlecht gekauter Nahrungsbrei gelangt in den Magen, der mehr Energie und Säure aufwenden muss, um zuvor verpasste Verdauungsvorgänge voranzutreiben. Auf Dauer kann dies den Pylorus (Magenpförtner = Magenausgang), ein Schließmuskel, der aus glatter Muskulatur besteht, unter Stress setzen. Die neurovegetative Versorgung kommt aus der mittleren Brustwirbelsäule, was wiederum wiederkehrende Wirbelblockaden zur Folge haben kann.

Problemfeld Schlafhygiene
Viele Spieler gehen mit Smartphone oder Tablet ins Bett. Diese strahlen ein blaues Licht ab, das von Menschen nicht wahrgenommen wird. Doch es kann auf Dauer Schlafstörungen verursachen. Denn das „blaue Licht“ suggeriert unserem Schlaf-Wachrhythmus (Hirnstamm), aktiv zu bleiben. Symptome können Müdigkeit, Infektanfälligkeit und Abgeschlagenheit sein, körperlich äußert sich fehlende Schlafhygiene auch durch Spannungen in der Schulter-Nacken-Region, wie wir sie bei Spielern häufig beobachten. Eine mögliche absteigende Kette könnte wie folgt aussehen: Spannungszunahme der Menigen (Hirnblätter), die wiederum Stress auf das Foramen jugulare (Schädelloch) und seine austretenden Hirnnerven verursachen können. Einer dieser Nerven ist der N. accessorius, der den Trapezmuskel aktiviert.

Empfehlung

Beim FSV Mainz 05 arbeiten drei Therapeuten mit unterschiedlichen Kompetenzen Hand in Hand. Es gibt nicht den einen „Fitmacher“, sondern es ist immer eine Teamleistung. Viel mehr Vereine im Profifußball sollten ihren medizinischen Abteilungen eine höhere Wertigkeit zusprechen und in die Gesundheit ihrer Athleten investieren. Es reicht nicht aus, einen einzigen sehr guten Therapeuten zu haben, man braucht drei bis vier Therapeuten auf Augenhöhe, darunter auch Osteopathen, um langfristig und nachhaltig zum Nutzen der Spieler arbeiten zu können. Die Osteopathie muss in Deutschland endlich ihre Anerkennung als Profession erhalten.

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Der Autor


Steffen Tröster
Diplom-Sport­wissenschaftler Steffen Tröster ist Physiotherapeut und Osteopath BAO. Er gehört zum Medical Team des 1. FSV Mainz 05

Zum Thema

Von Klaus Maierstein, Leitender Physiotherapeut, 1. FC Köln:

„Seit vielen Jahren tausche ich mich mit meinem Kollegen Steffen Tröster vom 1. FSV Mainz 05 über Diagnosen, Behandlungsweisen und technische Hilfsmittel bei diversen therapeutischen Ansätzen aus.

Ich würde es sehr begrüßen, wenn dieses Beispiel Schule machen würde und der Austausch der medizinischen Abteilungen verschiedener Vereine im Profisport sich generell intensivieren würde – sei es bei Themen wie Prävention und Rehabilitation oder in Bezug auf eigene Erfahrungen mit besonders atypischen Verletzungen.

Hier sind viele Kollegen voreingenommen und meinen, ihren vermeintlichen Wissensvorsprung schützen zu müssen. Das halte ich für einen Trugschluss.“

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