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Gutes Sehen

Zusammenarbeit zwischen Physiotherapeut und Augenarzt

70 bis 80 % unserer Informationen werden über das Sehen aufgenommen und sind zusammen mit den anderen Sinne wichtig für die Orientierung im täglichen Leben und Sport. Aus der Evolution des Auges, seiner Lage im Kopf und der Entwicklung des Sehens ist ersichtlich, wie wichtig nicht nur die gute Abbildung des Umfeldes auf der Netzhaut ist, sondern dass es sich um ein Zusammenspiel von scharfem Abbild auf der Netzhaut (Fokussierung), beidäugiges (binokulares) Sehen, Bewegung der Augen (Motilität) und Bildverarbeitung (visuelle Wahrnehmung) handelt [1,3,4,5,7,17].

Das Auge liegt in der Orbita. Diese bildet den knöchernen Schutz und gleichzeitig wichtige Durchtrittsstellen für Nerven und Gefäße, die für die Versorgung und die Reizweiterleitung des Auges verantwortlich sind. Die Steuerung erfolgt über jeweils sechs Augenmuskeln, die gemeinsam verantwortlich die konjugierten Augenbewegungen sind. Diese Muskeln unterliegen der Willkürmotorik und werden von den Hirnnerven III und IV sowie –VI und VII motorisch versorgt. Ein weiterer  Muskel (m. ciliaris) unterliegt  dem parasympathischen und damit dem vegetativen System und sorgt für die Pupillenweite und den Akkommodationsvorgang (Einstellung der (Tiefen)schärfe für Ferne und Nähe). Zudem verlaufen die arterielle und venöse Versorgung des Auges und des Gehirns im Schädel und Im Bereich des Halses (knöchern und muskulär) [15]. Störungen in jedem dieser Bereiche führen zum nicht idealen Sehen. Oder anders herum, jede Verbesserung einzelner Faktoren führt zu einer gesteigerten Leistungsfähigkeit dieses multifunktionalen Prozesses des Sehens, der entsprechenden Verarbeitung und daraus folgend der möglichen Reaktionen.

Probleme und Screening

Nach einer aktuellen Erhebung bedürfen rund zwei Drittel der Deutschen einer Korrektur, um das beste physio­logisch mögliche Sehen erreichen zu können [1]. Diese Korrektur kann mit Brille, Kontaktlinse (weiche/formstabil harte) oder durch eine operative Korrektur (Excimerlaserbehandlung/Linsenimplantation) erfolgen [8, 9, 13, 14, 16]. Mehr dazu können Sie im anschließenden Artikel über die Behandlung von Fehlsichtigkeiten im Sport lesen.

Ein Screening des Sehvermögens ist mit einfachen Geräten möglich. Dies sollte auch im Nachwuchsbereich geschehen und bei jeder Leistungsdiagnostik einmal im Jahr durch­geführt werden [18]. Die Bedeutung einer augenärztlichen Untersuchung liegt auch im versicherungstechnischen Bereich. Sollte es im Sport zu Verletzungen mit bleibenden Schäden kommen, ist es wesentlich einfacher, den Versicherungen eine Verschlechterung des Sehens anhand von Vorbefunden nachzuweisen, als ohne.

Grundlagen des Sehens

Ohne intensiver darauf einzugehen, ist es für das Verständnis wichtig zu erkennen, dass es verschiedene Grundlagen des Sehens bzw. Systeme gibt:

  • Gesichtsfeld und Blickfeld: ­räumliche Auflösung (Sehschärfe) und zeitliche Auflösung (Flimmern) + Zusammenspiel Auge und Bewegungen/Drehungen des Kopfes
  • Schätzung von Entfernung, Sehen im Raum, Stereosehen
  • Farb- und Kontrastsehen


(Mehr Informationen dazu finden Sie bei dem Artikel von Dr. Katlun und Peter Geigele auf www.sportaerztezeitung.de)

Hilfe durch den Physiotherapeuten

Störungen in einem oder mehreren der erwähnten Systeme können für Probleme der Visualisierung und Wahrnehmung verantwortlich sein. Durch die engen anatomischen und physiologischen Vernetzungen bleiben Beeinträchtigungen in anderen Gebilden nicht aus und werden sich auch gegenseitig bedingen. Die physiotherapeutische Auf­gabe ist es nun dafür zu sorgen, dass schnellstmöglich ein bestehendes Problem (zusammen mit dem Augenarzt) erkannt und unterstützend behandelt wird.

Mögliche Symptome nicht struktureller Schädi­gungen im visuellen System können sein:

  • Kopfschmerzen (Migräne!)
  • Schwindel
  • Nackenverspannungen
  • Probleme im Bereich der Kiefergelenke
  • Störungen des Gleichgewichtes
  • Sichtfeldeinschränkungen
  • Probleme im 3D-Sehen

Auf- und absteigende muskuläre Ketten (als Ursache und Symptom) benötigen weiterer Abklärung und Therapie.

Verschiedene Behandlungsstrategien

Sieht man sich die anatomischen und funktionellen Zusammenhänge an, erkennt man schnell vielfältige Behandlungsmöglichkeiten oder deren mögliche Ursachen. Jede Struktur benötigt ihre ausreichend gute Versorgung und Beweglichkeit. Sind diese nicht gegeben, kann es zu Überlastungserscheinungen und Problemen z. B. an der Muskulatur kommen. Eine über lange Zeit verspannte Muskulatur  schmerzt nicht nur lokal, sondern sorgt auch für Bewegungseinschränkungen und über ­einen längeren Zeitraum hinweg wird die Blutversorgung der betreffenden  Zielorgane eingeschränkt.

Kurzfristig kann das sicher ohne Auswirkung bleiben, langfristig entwickelt sich ein Circulus vitiosus, eine Beeinträchtigung bedingt und verstärkt die andere. Die kausalen Zusammen­hänge zu entdecken und zu behandeln wird mit fortschreitender Zeit schwieriger, da ab einem bestimmten Zeitpunkt nur noch ein Symptom nach dem anderen behandelt wird. Die Physiotherapie bietet glücklicherweise sehr gute Behandlungsmöglichkeiten, die vor allem im Bereich des Kopfes und des Hals sanft sind und sehr gut helfen. Eine eingeschränkte Kopfrotation (Verminderung des Blickfeldes) hat oft ihren Ursprung in den umgebenden Weichteilen. Klassische Mobilisa­tionstechniken können hier gut wirken und auch weiterlaufende Probleme positiv beeinflussen (Abb. 1 – 4).

Abb. 1 Palpation Querfortsätze C1 --- Abb. 2 Mobilisation C1 über Kopfrotation und Detonisationder ansetzenden Muskulatur

Abb. 3 + 4 Palpation, Detonisation und Mobilisation der Vagina carotis --- Fotos: © Privat

Die A.carotis communis verläuft zusammen mit anderen wichtigen Strukturen (V. jugularis, Hirnnerven); eine Beeinflussung der Beweglichkeit und der Durchblutung kann sehr schnell durch verspannte umgebende Muskeln passieren. Von der oberflächlichen bis hin zur tiefen Halsmuskulatur können alle Strukturen für eine Beeinträchtigung verantwortlich sein. Ursache daran ist oft eine durch zu wenig Bewegung (z. B. langes Sitzen) hervorgerufene Dysbalance und Fehlstatik, selbstverständlich können auch Stöße oder Schläge an den Kopf dafür verantwortlich sein, die gerade in Kontaktsportarten schnell vergessen oder verdrängt werden. Leider bleiben die Probleme nicht nur ventral. Natürlich sind auch die dorsalen Weichteile in Mitleidenschaft gezogen. Die wiederum weiter­laufend (auf- und absteigende) Probleme generieren. Schaut man sich die Abläufe zum Sehen, der Wahrnehmung und des entsprechenden Verarbeitens an, dann hat der Physiotherapeut die Aufgabe, mit seiner Behandlung die Strukturen, die einen Einfluss auf die Durchblutung und auf die Beweglichkeit haben, bestmöglich zu behandeln [4,10,17].

Augenärztliche Methoden zur Verbesserung der Wahrnehmung

Im augenärztlichen (optometrischen) Bereich gibt es nur wenige wissenschaftliche Veröffentlichungen, die zeigen, dass ein „Visual“ oder „Sehtraining“ zur Weiterentwicklung des dynamischen Sehens und damit zu einer besseren sportlichen Leistung führen kann. Bei diesen Methoden wird nicht die eigentliche Sehleistung, sondern die Verarbeitung und damit Reaktion untersucht und trainiert. Da zum jetzigen Zeitpunkt weder einheitliche Messverfahren noch größere wissenschaftlich fundierte Studien vorliegen, sind nicht alle angebotenen Trainingselemente kritiklos, sondern erst nach kritischer Betrachtung anzuwenden [6,13].

Verletzungen oder Entzündungen

Bei sichtbaren Verletzung sind Auge oder Lider mittels sterilem Wundverband abzudecken und sofort der nächste augenärztliche (Notfall)Dienst aufzu­suchen. In diesen Situationen ist keine sportophthalmologische Ausbildung der Augenärzte notwendig (ready to func­tion). Im Vordergrund steht eine rasche bestmög­liche (operative) augenärztliche Untersuchung und Versorgung [2,12,13]. Persistierende Entzündungen mit Schmerzen oder Visuseinschränkung sowie die Nachkontrollen nach dem Abschluss der Erstversorgung sollten von Sportaugenärzten erfolgen, um zu gewährleisten, dass in einem vertretbar schnellen Zeitraum Training und Wettkampf in Absprache mit dem Sportler und dem Verein angepasst und sportartspezifisch wieder betrieben werden (ready to competition/to play). Eine enge Zusammenarbeit zwischen Arzt, Sportler, Betreuer und Verein ist auch in der Augenheilkunde für den besten Heilungs- und Rehabi­litationsprozess unersetzlich (NADA).

Fazit

Im heutigen Leistungssport sind umfangreiche bewährte und neue Trainings-, Ernährungs- und Motivationsmethoden wichtig, um bestmögliche Leistungen abrufen zu können. Mit der Kontrolle und evtl. Verbesserung der Sehleistungen (Augenärzte, Optiker und Physiotherapeuten) steht ein nicht unwesentlicher Baustein zur Verfügung, um dies zu erreichen. Dabei bestehen die Aufgaben der Augenärzte und Optiker, für eine optimal dem Sport an­gepasste Sehleistung zu sorgen. Der Physiotherapeut kann Blockaden oder Veränderungen behandeln, die einen Einfluss auf die Wahrnehmungsverarbeitung haben. Für die Zukunft ist es wichtig, gemeinsam ein Bewusstsein für das Sehen im Sport bei Athleten und Betreuern aufzubauen. 

 

Eine Literaturliste können Sie unter info@thesportgroup.de anfordern.

Foto: © istockphoto.com, stock_colors

 

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Die Autoren

Peter Geigle ist ­Physiotherapeut und Heilpraktiker sowie Sportphysiotherapeut des DOSB und seit 2006 bei der TSG 1899 Hoffenheim. Ständige Fortbildungen im Bereich der manuellen Therapie, Myoreflextherapie, Osteopathie, fasziale Therapien, Chiropraktik uvm..

Foto: © 1899 Hoffenheim

 

Dr. med. Thomas Katlun ist seit 1989 in der Augenheilkunde tätig und arbeitet seit 2006 in eigener Praxis in Heidelberg. Neben den augenärztlichen Standarduntersuchungen gilt das Interesse besonders den Excimerlaserbehandlungen (seit 1995) und der Sportaugenheilkunde, um für die Sportler eine gute Verbindung zwischen dem Sehen und dem Sport zu ermöglichen. In der Praxis werden neben vielen Freizeitsportlern auch Profis aus verschiedenen Sportarten (OSP Heidelberg, 1899 Hoffenheim, Rhein-Neckar-Löwen u. a.) betreut.

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