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Erfahrungen aus der Praxis

Drei Fragen an Team- und Sportärzte aus unterschiedlichen Sportarten

  1. Was können Sie uns über Muskelverletzungen in der von Ihnen betreuten Sportart berichten? Welche Arten treten am häufigsten auf und was sind die Gründe dafür?
  2. Bitte geben Sie uns einen Einblick in Ihren Erfahrungsschatz und in Ihre tägliche Arbeit: Wie sehen Ihre Maßnahmen/Optionen/Therapien/ Training/Regeneration aus?
  3. Wo sehen Sie Entwicklungspotenziale/Probleme oderauch Chancen?

Dr. med. Jochen Veit, Gemeinschaftspraxis Emschermann/ Veit Norderwalde, Mannschaftsarzt Iserlohn Roosters (Eishockey)

1. Im Eishockey kommt es am häufigsten zu traumatisch bedingten muskulären Verletzungen, z. B. durch geblockte Schüsse. Diese führen zu in der Tiefe gelegenen Hämatomen („Pferdekuss“). Des Weiteren kommt es, ähnlich wie in anderen Sportarten, zu Zerrungen, Muskelfaserrissen und Muskel/Sehnenverletzungen, insbesondere im Bereich der unteren Extremitäten.

2. Nach Diagnostik (Palpation/Ultraschall vor Ort/ggf. MRT) erfolgt eine individuell mit unserer physiotherapeutischen Abteilung abgestimmte Therapieplanung. Die Maßnahmen beinhalten Ultraschall, Iontophorese, manuelle Therapie, Massagen, Physiotherapie, Faszientherapie, Injektionen (incl. Neuraltherapie), Kinesiotaping, Stoßwellenbehandlung, Salbenverbände und medikamentöse Therapie. Ein anderes wichtiges Thema im Eishockey, wenn auch nicht muskulär, ist übrigens Bone Bruise, da er sowohl durch Distorsionen als auch durch äußerliche Traumata (mittels Hartgummi/Schuss) entstehen kann. Neben den allgemeinen Maßnahmen setzen wir Vitamin D und Calcium ein. Enzyme und homöopathische Medikamente werden ebenfalls genutzt. Des Weiteren schützen wir die betroffene Extremität durch eine extra Schutzausrüstung.

3. Im Bereich der Muskulatur wird zuletzt viel Wert auf die Faszien gelegt. In der Komplexität der Muskel/Faszieneinheit gibt es ein großes Entwicklungspotenzial. Ebenso im Erkennen von sog. „Verkettungen“ von funktionellen Syndromen, die in der Folge zu Muskelverletzungen führen können, besteht für viele Therapeuten die Chance, präventiv tätig zu werden und durch gezielte Athletenschulung muskuläre Verletzungen zu verhindern.

Daniel Schloesser, Physiotherapeutische Betreuung und Personal Training von Nico Rosberg in der Formel 1 und Betreuung in anderen Motorsportbereichen (Formel 3, Rallye Dakar, GP2)

1. Grundsätzlich sind die Muskelverletzungen im Motorsport/Formel1 vergleichsweise gering. Am häufigsten treten sie in Form von Überlastungsschäden aufgrund der hohen Fliehkräfte am Nacken oder Rücken auf. Auf Strecken wie Monaco können aufgrund der enorm vielen Schaltvorgänge am Lenkrad auch Entzündungen der Fingerstrecker und -beuger entstehen. Bei streckenabhängigen starken Bodenwellen oder Kerbs können auch sitzbedingte Prellungen im Rücken- und Schulterbereich entstehen.

2. Um auf die speziellen Belastungen vorbereitet zu werden, findet das Training z. T. in spezialangefertigten Maschinen statt, wobei der Rennfahrer in seiner nachgebauten Sitzschale sitzt und mit am Helm befestigten Kabelzügen die Fliehkräfte simuliert. Auch die Lenkbewegungen können an diesem Gerät am nachgebauten Lenkrad simuliert werden. Aus therapeutischer Sicht besteht eine hohe Notwendigkeit für Mobilisation der gesamten Wirbelsäule, Hüfte und Schulter. Im Cockpit sitzen die Piloten bis zu zwei Stunden fest angegurtet in engen Sitzschalen ohne Bewegungsfreiheit. Wenn dabei hohe Kräfte auf den Körper wirken, bilden sich sehr schnell gelenkbedingte Blockaden und Verspannungen, die nach den Sessions durch Physiotherapie oder Dehnübungen gelöst werden müssen. Auch eine möglichst basische und ausgewogene Ernährung spielt präventiv und regenerativ eine große Rolle.

Dr. med. Kai Fehske, Universitätsklinikum Würzburg, Teamarzt S.Oliver Würzburg (Basketball), Vorstand BasketDocs

1. Im Basketball treten am häufigsten Muskelverletzung der dorsalen Oberschenkelmuskulatur (Hamstrings, i.B.M. biceps femoris) auf. Gründe können neben dem eng getakteten Spielbetrieb (Einsatz in Bundesliga und europäischen Wettbewerben) und der damit verbundenen hohen Belastung der Spieler auch in Verletzungen aus der Spielsituation heraus gesehen werden. Eine typische Situation ist z. B. der schnelle Antritt beim Zug zum Korb.

2. Sofortmaßnahmen am Spielfeldrand und direkt nach dem Spiel mit Kompressionsbandage und verdunstender Kühlung (z. B. Medivid Cryo Fluid). Anschließend genaue Diagnostik zur Bestimmung der Verletzungsschwere (Palpation, Sonografie, im Profisport meistens auch MRT). Medikamentös mit Arnica-haltigem Präparat (z. B. Traumeel Tabletten), in Ausnahmefällen ergänzt um ein nicht-steroidales Antirheumatikum (z. B. Arcoxia oder Ibuprofen), allerdings nur bei starken Schmerzen. Zurückhaltend daher, dass wir in der anschließenden Aufbauphase nur den subjektiven Schmerz des Patienten als Monitor haben, ob wir überbelasten oder nicht. Physiotherapie und manuelle Lymphdrainage direkt nach konkreter Diagnose. Je nach Verletzungsschwere ist eine Ausfalldauer von 2 – 6 Wochen einzukalkulieren. Wenn Beschwerdefrei/-arm, sukzessives Muskelaufbautraining und nach standardisierter Phasenadaptierter Rehabilitation sukzessive zurück ins Mannschaftstraining.

3. Entwicklungspotenzial sehe ich ganz klar in der genauen Differenzierung der Verletzungsschwere und dem damit verbundenen Heilungsverlauf. Muskelverletzungen werden nach wie vor in ihrer Schwere unterschätzt und als Bagatellverletzung abgetan. Das Bewusstsein muss dafür geschärft werden, dass die Verletzung komplett ausgeheilt ist, bevor der Spieler zurück auf das Spielfeld geht. Es ist unpopulär, einen Leistungsträger mehrere Wochen aus dem Spielbetrieb zu nehmen, aber sicherlich notwendig.

Dr. med. Antonius Kass, Praxis Dr. Kass, Düsseldorf, leitender Verbandsarzt des DTTB; betreuender Mannschaftsarzt der Volleyballnationalmannschaft bei Olympia

1. Im Tischtennis sind die Muskelverletzungen mit Abstand Verletzungsursache Nummer 1. Häufig sind Oberschenkelmuskelzerrungen und -faserrisse, sowohl der Hamstrings, als auch der Adduktoren und des Quadrizeps. Auch im Volleyball sind Muskelverletzungen recht häufig, etwas häufiger sind dort Zerrungen der Bauchmuskulatur und auch der oberen Extremität wie z. B. an der Schulter.

2. Trotz aller Diskussionen: Actovegin ist seit über 20 Jahren für mich das Therapeutikum der Wahl bei Muskelfaserrissen und -zerrungen. Ich injiziere eine Ampulle mit einem Lokalanästhetikum gemischt möglichst früh in die Läsion und auch den verhärteten Muskelstrang. Je nach Ausmaß der Verletzung ein zweites Mal nach 5 Tagen. Bemerkenswert ist hierbei, dass ich trotz Hunderter Anwendungen in über 20 Jahren keine einzige unerwünschte Nebenwirkung beobachten musste und es eine sehr geringe Wiederverletzungsrate gibt. Im Anschluss daran erfolgt eine Rehabilitation in drei Phasen: in der ersten Phase dominiert die Ruhe und Kompression, in der zweiten Rückkehr zu geführten und einfachen Bewegungen und leichte Dehnübungen und in der dritten komplexeres Aufbautraining und Rückkehr zum Sportbetrieb. Interessant ist: alle 3 Phasen sind etwa gleich lang und sind abhängig von der Schwere der Verletzung. Also je 1 bis 3 Wochen je Phase.

3. Entscheidende Probleme ergeben sich durch den immer enger werdende Wettkampfkalender, dem Druck der Weltrangliste und der zu verteidigenden Punkte und den häufigen Wettkämpfen. Zudem ist der Trend zu mehr Athletik in allen Spielsportarten zu beobachten. Wer mehr Athletik trainiert, braucht auch mehr Zeit zur Regeneration. Und die fehlt meist. Irgendwann holt sich dann der Muskel seine Regenerationszeit durch eine Verletzung. Eine Lösung dieses Problem ist für mich nicht in Sicht – ganz im Gegenteil.

Christian Ziegler, Sportomed Reha GmbH, Mannheim, leitender Physiotherapeut des Deutschen Leichtathletikverbandes (DLV) 2010 – 2014

1. Die häufigsten Muskelverletzungen finden wir in der unteren Extremität, insbesondere Ischiocrurale Muskulatur und Wadenmuskulatur. Es sind Muskeln, die der Schwerkraft entgegenarbeiten, sog. „Anti-Gravity Muskulatur“, die exzentrisch einwirkenden Belastungen ausgesetzt sind. Gründe der Verletzungen sind häufig Überlastungen genereller/oder spontaner Art, fehlerhafter Dehnungs- Verkürzungs- Zyklus (DVZ), Blockierungen in der LBH- Region, aber auch instabile Rumpfsituation begünstigt Fehlsteuerung von Extremitätenmuskulatur.

2. Die Arbeit unseres multi-disziplinär aufgestellten Betreuerteams in der Leichtathletik liegt in der Durchführung einer sinnvollen Kombination aus klassischen physiotherapeutischen Techniken, physikalischen Maßnahmen, dosierten medizinischen Aufbautraining, ergänzt mit Behandlungsmöglichkeiten aus der Osteopathie. In der Akutphase: Reduktion der Belastung verletzter Strukturen, aber schmerzarme Bewegung, möglicherweise im eingeschränkten ROM. Optimierung von Blut- und Lymphfluss, Beeinflussung der interstitiellem Flüssigkeitsverschiebung. Gegebenenfalls unterstützende Präparate lokal (in Abstimmung mit den medikamentösen Aktionen des Arztes). Anschließende Phasen: Kontrolle der Bewegungsmuster, Ausschalten von Schonhaltungen/- Bewegungen. Spezifisches Beanspruchen der defizitären Muskel-/Muskelgruppen bzw. Muskelkette im Sinne einer korrekten Ansteuerung, später Atrophie- Reduktion bis hin zur exzentrischen und DVZ- spezifischen Muskelarbeitsweise. Erhalt des Restorganismus. Gleichzeitig ist eine interdisziplinäre Ursachenanalyse erforderlich, insbesondere bei rezidivierend auftretenden Problematiken.

3. Es gibt noch Entwicklungspotenziale im neuromuskulären Verständnis und in den Erklärungsansätzen im zentral-peripheren Zusammenspiel. „Schmerzfreiheit heißt nicht Wettkampffähigkeit“, das heißt, die Belastungstoleranz der Gewebe muss gegeben sein, auf die eine dosierte, strukturierte Progression der Belastungsreize folgen muss.


Dr. med. Stefan Mattyasovszky, Christoph Rohrbeck, Steffen Tröster, Medizinische Abteilung 1. FSV Mainz 05

1. Am häufigsten sind und waren auch in dieser Saison, wie auch in der Literatur beschrieben, strukturelle Muskelverletzungen des Oberschenkels, hier vor allem die ischiocrurale Muskelgruppe. Gründe:

  • Dysbalance zw. Belastung und Belastbarkeit (3-fach Belastung, Spielsystem)
  • Professionalität des Spielers (Ernährung, Regeneration, Schlafhygiene, individuelles Präventivtraining)
  • mangelndes Feedback Spieler (Sensibilisierung), Alter (Kompensationsfähigkeit nimmt im Alter ab, junge Spieler müssen sich an Belastungen erst anpassen), Veranlagung

2. Wichtig: Kommunikation im TEAM!

  • engmaschige Statikkontrolle, enger Austausch zu Athletik-/Rehatrainern
  • Muskelpflege (RSWT (EMS); FSWT, Massagen), TCM, Osteopathie (hauptsächlich Parietal/viszeral)
  • Magnetfeldtherapie; IndibaActive, Lasertherapie (Laserix), Lymphomat, Eisbäder, MBST Therapie

3. Muskelverletzung sind immer individuell. MRT ist manchmal mehr Fluch als Segen, zumindestens Stand heute. MRT gibt einen guten Überblick, ob eine strukturelle Verletzung vorliegt, jedoch gibt es kaum Erfahrungen von Verläufen und ihrer klinischen Relevanz. Hier ist Fingerspitzengefühl und Erfahrung von Arzt/Spieler/Rehatrainer und Physio gefragt. Die Einteilung nach Müller-Wohlfahrt zur Kommunikation im Team ist sehr gut, jedoch ausbaufähig. Eine Einteilung Sehne – Sehne/ Muskel – Muskel ähnlich der Einteilung eines Meniskusschadens: weiß/weiß – rot/weiß – rot/rot wäre evtl. denkbar. Heutige MRTs werden immer besser und können die Stelle auch genauer lokalisieren. Faserrisse, die einen höheren Sehnenanteil haben, werden auch eine längere return to sport/activity haben. Das zählt auch für Zerrungen.

Weitere Felder, über die man nachdenken muss, sind:

  • Return to Competition (Zukunftsideen)
  • Korrelation Muskelphysiologie (EMG) und Verletzung? Messbarkeit? Screening?
  • Vergleichswerte vor und nach Verletzungen?
  • Messung der Propriozeption? Messdruckplatten?
  • Korrelation MRT Befund und Muskelphysiologie
  • Ableitungsmuster wie bei NLG?

Aytac Sulu, Kapitän des SV Darmstadt 98

Die Sicht eines Profi-Sportlers

Lieber Aytac Sulu, Anfang der Saison wurdest Du beim Pokalspiel gegen den Bremer SV nach rund 30 Minuten mit Verdacht auf einen Muskelfaserriss in der rechten Wade ausgewechselt. Zunächst ging man nur von einer kurzen Ausfallzeit aus, was folgte war dann jedoch die längste verletzungsbedingte Ausfalldauer Deiner bisherigen Karriere. Was kannst Du über die Verletzung berichten?

Es hat sich so angefühlt, als hätte mir jemand von hinten einen Stein in die Wade geschmissen. Ich habe einen dumpfen Knall gehört. Am Anfang haben wir mit einer Ausfallzeiten von rund 3 – 4 Wochen gerechnet, aber da es ein großer Riss war und sich jedes Mal nach der Belastung Flüssigkeit im Muskel gesammelt hatte, wurden es insgesamt 6 Wochen.

Wie bist Du in dieser Zeit damit umgegangen? Was spielt sich da gerade auch im Kopf ab (neuer Trainer, Saisonstart etc.) und was hast Du in Bezug auf Training/Reha in dieser Zeit gemacht?

Nach der Verletzung habe ich erst einmal eine Woche lang komplett gar nichts gemacht. Danach habe ich mit Radfahren angefangen, ab der 3. Woche dann lockeres Laufen. Als Kapitän ist es mir wichtig, auch in Zeiten der Verletzung nahe bei der Mannschaft zu sein. Daher war ich auch jeden Tag bei dem Team, habe meine Reha gemacht, trainiert und auch meine Regeneration nach den Einheiten professionell durchgezogen. Ich war sehr ungeduldig und wollte so schnell wie möglich mit der Mannschaft trainieren, aber bei den individuellen Reha-Einheiten habe ich gemerkt, dass es nicht so ist, wie ich es mir vorstelle und so mussten wir den Einstieg in der Mannschaftstraining etwas verschieben.

Nun stehst Du wieder als Kapitän des SV Darmstadt 98 auf dem Platz und kämpfst mit dem Team und neuem Trainer um den Klassenerhalt. Was nimmst Du für Dich mit aus Deiner Verletzungszeit? Änderst Du gewisse Dinge, bereitest Du Dich anders vor, vielleicht auch einiges unabhängig vom medizinischen Team?

Natürlich möchte ich nie wieder so lange verletzt sein, aber das kann man nicht immer beeinflussen. Nicht nur aufgrund der Verletzung, sondern auch generell versuche ich jetzt mehr in mich bzw. meinen Körper hineinzuhören, d. h. dass ich mir sehr viel Zeit vor und nach den Trainingseinheiten nehme. Ich lasse mich nun aber auch in meiner freien Zeit präventiv von einem Physiotherapeuten behandeln, um meinen Körper bestmöglich zu pflegen. Natürlich gehört der Faktor Ernährung auch dazu, kleine Stellschrauben, an denen man drehen kann, die paar Prozente mehr bringen.

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