Individuell und mutig

Sportmedizin umfasst theoretische und praktische Medizin. Sie untersucht den Einfluss von Bewegung, Training und Sport sowie Bewegungsmangel auf den gesunden und kranken Menschen jeder Altersstufe, um die Befunde der Prävention, Therapie und Rehabilitation den Sporttreibenden dienlich zu machen. Kennen Sie diese Zeilen? So hat Wildor Hollmann 1958 den Bereich der Sportmedizin beschrieben, der Weltverband für Sportmedizin (FIMS) hat es 1977 als offizielle Definition übernommen. Reicht das heute noch aus?

Prof. Dr. Martin Halle stellt in einem aktuellen Interview mit Medica.de (22. Juni 2016) klar, dass Patienten klare Handlungsanweisungen benötigen. Pauschale Ratschläge wie „Nehmen Sie die Treppe statt des Aufzugs“ bringen überhaupt nichts. Ganz im Gegenteil, lässt man eventuell übermotivierte Patienten ohne Anleitung Sport treiben, kann es sogar kontraproduktiv sein – mit gravierenden Folgen. Prof. Halle verweist darauf, dass z. B. ein Patient mit zu hohem Blutdruck eben nicht davon profitiert, wenn er dreimal die Woche joggen geht. Bei einigen würde der Blutdruck dabei exorbitante Höhen erreichen. Dies deckt sich auch mit den Ergebnissen unseres Beirates PD Dr. Felix Post, der in seinem Artikel zu Isometrisches Training als Therapie bei Arterieller Hypertonie in dieser Ausgabe (S. 54) zeigt, wie es auch anders gehen kann. Im Britischen Ärzteblatt (BMJ 2016; 354: i3740) wurde aktuell aufgezeigt, dass ein unter Aufsicht durchgeführtes Sportprogramm zur Stärkung der Kniemuskulatur bei Patienten mit degenerativen Meniskusschäden gleich gute Ergebnisse wie eine arthroskopische Operation erzielte. Dabei muss man bedenken, dass die Ergebnisse dieser Studie nur umsetzbar sind, wenn die Patienten auch mitmachen und Eigenbeteiligung zeigen!

Individuell/Personalisiert – nur so kann es Sinn machen. Nicht jede Therapieform eignet sich bei jedem Patienten gleichermaßen, nur weil Studien im Sinne der Evidenz die Wirksamkeit nachweisen. Die Erfahrungsmedizin muss mehr Raum erhalten – es muss praktischer werden! Jeder, der auf dem Gebiet der Sportmedizin tätig ist, darf ruhig selbstbewusst, neugierig und mutig auftreten. Konservative Therapieformen gewinnen an Bedeutung und zeigen erstaunliche Ergebnisse. Unterschätzte Themen wie Regeneration und Ernährung sollten mehr in den Vordergrund rücken – nicht nur in der Sportlerbetreuung, sondern ebenso in unserer Leistungsgesellschaft. Evidenz folgt meist später.

Sportmedizin 2016 – was ist das? Alles was Hollmann vor 56 Jahre sagte und doch auch viel mehr. Das möchten wir Ihnen mit der sportärztezeitung und unseren Veranstaltungen, wie z. B. dem Symposium Fußballmedizin & Konservative Sportmedizin, das am 12.11. stattfindet, zeigen.

Ihr Masiar Sabok Sir & Robert Erbeldinger